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Im Porträt: Friedhelm Schneider : „Ich bin kein pflegeleichter Mensch“

  • -Aktualisiert am

Er denke bäuerlich und rede auch so: Friedhelm Schneider. Bild: Wresch, Jonas

Bauern-Präsident Schneider bewirbt sich um seine dritte Amtszeit. Der Milchbauer aus Gründau fordert mehr unternehmerische Freiheit für Landwirte und sorgt sich um die demographische Entwicklung im ländlichen Raum.

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          Wenn der frisch gewählte hessische Bauernpräsident am Freitag um die Mittagszeit vor die Presse tritt, dürfte er wieder Friedhelm Schneider heißen. Danach sieht es jedenfalls aus: Nach dem Stand der Dinge muss er während der Vertreterversammlung des hessischen Bauernverbands in Künzell nicht mit Konkurrenz um das Amt rechnen. „Ich weiß nichts von einem Gegenkandidaten“, sagt der Landwirtschaftsmeister aus Gründau, und auch beim Verband ist von einer Kampfkandidatur nichts bekannt. So war es schon vor drei Jahren in Butzbach, als er 87 Prozent der Stimmen erhielt. Auf den ersten Blick ein mäßiges Ergebnis. Tatsächlich aber ein gutes Resultat für einen, dessen handfest-direkte Art nicht jedem gefällt. In seinem Umfeld heißt es über ihn: „Er denkt bäuerlich und redet auch so.“

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schneider wird kaum widersprechen. Bezeichnet er sich doch selbst als Sturkopf und gibt zu: „Ich bin kein pflegeleichter Mensch und ecke auch im Verband hin und wieder an.“ Zum Beispiel mit seiner Grundhaltung: „Ich bin ein Mensch, der unternehmerische Freiheiten schaffen will“, hebt er hervor, was Weggefährten bestätigen. Was für den eigenen Betrieb gut sei, sei auch für den Verband gut, meint der 63 Jahre alte Milchbauer. Ein landwirtschaftlicher Betrieb müsse „nach vorne gerichtet“ geführt werden. In diesem Sinne gelte es, möglichst alle Bauern mitzunehmen, egal ob konventionell oder ökologisch wirtschaftende Kollegen, Vollerwerbsbauern oder „Mondschein-Landwirte“, die den Großteil ihres Geldes in einem anderen Beruf verdienen.

          Die Bauern können mehr investieren als vor knapp 30 Jahren

          Unter „nach vorne gerichtet“ versteht Schneider etwa den Aufbau von Kontakten zu Landespolitikern mit dem Ziel, mehr Verständnis für seine Branche zu wecken. So habe er einer Abgeordneten der Grünen auf dem eigenen Hof erklärt, weshalb moderne Landwirtschaft mit neuen Ställen für die Tiere nicht schlecht, sondern von Vorteil sei. Für neue Ställe braucht ein Bauer allerdings viel Geld, die Kosten für solche Neubauten können in die Millionen gehen. Hessens Bauern können solche Investitionen heute besser stemmen als vor knapp 30 Jahren. Seinerzeit, erinnert sich Schneider, sei Hessen bei der Gewinnentwicklung in der Landwirtschaft im Bund hinten gewesen - mittlerweile zähle dieses Bundesland zu den ersten fünf in Westdeutschland. Und das, obwohl die Betriebe etwa im Vergleich zu Niedersachsen strukturell benachteiligt seien, etwa wegen kleinerer Flächen.

          Hessens Landwirte haben nach seinen Worten aufgeholt, weil der Bauernverband die Organisation besser aufgestellt habe. Durch ein gezieltes Lobbying habe der Verband ein neues Tierseuchengesetz erreicht. Die Beiträge der Bauern zur Tierseuchenkasse seien gesenkt worden. Und anders als früher kämen nun auch die Kommunen und Kreise für die Tierkörperbeseitigung auf und entlasteten die Landwirte. Die hessischen Bauern wirtschaftlich nach vorne gebracht habe auch eine bessere Beratung durch den Kasseler Landesbetrieb Landwirtschaft, angestoßen durch das Kuratorium für das landwirtschaftliche und gartenbauliche Beratungswesen, dem Schneider vorsteht. Jetzt gebe es 100 Berater, die Bauern betriebswirtschaftlich zur Seite stünden, wenn es um bessere Erträge im Stall oder auf dem Acker gehe, bei weniger Aufwand.

          Zudem spielt vielen Bauern derzeit der Markt in die Karten. Mais ist ein Drittel und Weizen rund 50 Prozent teurer als vor Jahresfrist. Das sei angesichts des Preisauftriebs bei Saatgut und Energie auch nötig, meint der Bauernchef. Zumal Weizen mit 22 bis 25 Euro je 100 Kilogramm kaum mehr koste als 1984 und 17 bis 20 Euro nötig seien, um die Menge zu produzieren. Weniger gut geht es Schweine- und Milchbauern, die Preise seien „jenseits von Gut und Böse“, sagt Schneider, der auch die Vereinigung für Milch in Hessen führt. Geflügelbauern dürften das Jahr sogar mit Verlusten abschließen, sagt er unter Verweis auf eine Studie der Rabobank. Zudem müsse die Branche aufpassen, bei der demographischen Entwicklung nicht abgehängt zu werden. Die Aussicht, es könnte vielerorts bald nur noch einen Bauern geben, behagt ihm nicht. „Das ist das nächste Thema.“

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