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„Im Labyrinth des Schweigens“ : Viele Filmhelden und ein echter Held

Zeitzeuge: Der ehemalige Oberstaatsanwalt Gerhard Wiese, umrahmt von den Schauspielern Johann von Bülow (links) und Alexander Fehling in Frankfurt. Bild: dpa

Als „Im Labyrinth des Schweigens“ Premiere in Frankfurt feiert, spielt Gerhard Wiese eine Nebenrolle. Im Auschwitz-Prozess war er ein Hauptdarsteller.

          Ein Hauch von Cannes und Berlinale hat am Dienstagabend das Kino Metropolis umweht. Wie bei den Filmfestivals an der Côte d’Azur und in der Bundeshauptstadt ist ein roter Teppich ausgelegt, Fotografen und Kameraleuten haben ihre Gerätschaft aufgebaut. Wachleute halten Neugierige fern und werfen einen scharfen Blick auf die goldenen Einlassbändchen der Geladenen. Fehlen vorerst nur die Stars des Spielfilms „Im Labyrinth des Schweigens“, der von der Vorgeschichte des Frankfurter Auschwitz-Prozesses handelt und hier im Frankfurter Kinocenter seine Uraufführung erleben soll.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Alexander Fehling, der Hauptdarsteller, André Szymanski, der in dem Film den Frankfurter Journalisten Thomas Gnielka spielt, wie auch Regisseur Giulio Riccicarelli, der das Drama um Schuld und Sühne in Szene gesetzt hat, lassen sich Zeit. Die Gäste, die an diesem Abend ein wenig Glamour erleben wollen, müssen Stehvermögen beweisen. Einzig Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) ist aus der Ferne zu erblicken. Die Wachmänner scheinen ihn nicht zu erkennen, Feldmann muss nach seiner Einladung kramen.

          Bundesjustizminister dabei

          Dann endlich, nach einer Dreiviertelstunde Wartezeit, treten die Schauspieler und die halbe Film-Crew nebst Regisseur und Produzenten vor die Fotografen und lassen sich in den verschiedensten Kombinationen vor einer mit den Insignien des Films geschmückten Fotoleinwand ablichten. Zu ihnen gesellen sich die Politiker: Hessens Kulturminister Boris Rhein (CDU), der sich später im Kinosaal in einer kurzen Rede vor dem Filmstart rühmt, dass die von seinem Ministerium verantwortete hessische Filmförderung den Spielfilm mit 800000 Euro unterstützt habe. Auch Feldmann, der die Dreharbeiten im Bolongaropalast, dem Höchster Amtssitz des Stadtoberhaupts, persönlich mitbekommen hat, lächelt jetzt in die Kameras.

          Ein dezidiert politisches Zeichen setzt Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) bei dieser Premiere eines Films, der eigentlich von einem Justizskandal handelt, nämlich dem, dass die deutschen Staatsanwälte und Gerichte bis zu besagtem Auschwitz-Prozess zu schnelle Autofahrer konsequenter verfolgten als Schlächter in den Konzentrationslagern. Er habe, ohne von dem Filmprojekt zu wissen, kurz nach seinem Amtsantritt einen Fritz-Bauer-Studienpreis für junge Juristen ausgelobt, erzählt der Minister im Vorbeigehen. Nach Frankfurt sei er aus eigener Initiative gekommen. Zufällig habe er eine Ankündigung für „Im Labyrinth des Schweigens“ gesehen und spontan sein Büro gebeten, ihm eine Einladung zur Erstaufführung zu beschaffen. Nun sei er gespannt, was Regisseur Ricciarelli und sein Team aus dem Stoff gemacht hätten.

          „Einer der Helden ist hier“

          Drei Stunden später äußert Maas bei einem Empfang der Stadt für das Filmteam im Rathaus Römer sein Urteil: „Ich habe einen Film gesehen, der mich bewegt, aufgewühlt und an manchen Stellen wütend gemacht hat.“ Dem Publikum im großen Saal des Metropolis ist es zuvor nicht anders ergangen. Die Ehrengäste, von Stadtverordneten, über Verleger, Schriftsteller und andere Kulturschaffende bis zu Semiprominenten aus Fernsehserien, aber auch die professionellen Filmkritiker, sind sichtlich angetan. Schon als im Abspann der Name des Regisseurs erscheint, brandet herzlicher Beifall auf.

          Danach bittet Ricciarelli auch noch den nachrangigsten Mitarbeiter seiner Crew persönlich auf die Bühne vor der Leinwand und umarmt dankbar jeden einzelnen. Er und seine Mitarbeiter, lässt er die Zuschauer wissen, hätten einen Film machen wollen über jene Handvoll Helden, die den Auschwitz-Prozess in die Wege geleitet und damit Deutschland verändert hätten. Mit den Worten: „Einer der Helden ist hier“, ruft er ganz zuletzt den ehemaligen Oberstaatsanwalt Gerhard Wiese, der als einer von drei Staatsanwälten den Auschwitz-Prozess vorbereitet und die Anklage geführt hat, vors Publikum. Spontan erheben sich alle aus ihren Kinosesseln und klatschen dem Sechsundachtzigjährigen Beifall. „Ein guter Film“, sagt Wiese, „ein sehr guter Film, ein wunderbarer Film.“

          Mutmacher für die Nachgeborenen

          Später im Römer, wo am 20. Dezember 1963 der Auschwitz-Prozess eröffnet wurde, weil das als Gerichtssaal vorgesehene Haus Gallus noch nicht fertiggebaut war, spricht Oberbürgermeister Feldmann von einem bewegenden Film. Er zeige ein Nachkriegsdeutschland, das eine Auseinandersetzung mit der Nazizeit vermieden habe: „Niemand wollte in den Abgrund schauen.“

          Damals hat der vom hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer – nach den Worten von Minister Maas ein großes Vorbild für alle Juristen – initiierte Auschwitz-Prozess die Mauer des Schweigens durchbrochen. Jetzt soll der Film über die Vorgeschichte des Jahrhundertprozesses die Nachgeborenen ermutigen, kein Unrecht mehr zuzulassen. „Im Labyrinth des Schweigens soll an unseren Frankfurter Schulen gezeigt werden“, sagte Oberbürgermeister Feldmann. Nun muss sich nur noch jemand darum kümmern.

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