https://www.faz.net/-gzg-7bt1a

Im Interview: Leiter von Science-Fiction-Bibliothek : Es kommt so oder so

  • Aktualisiert am

Ohne Kugel: Was morgen wird, liest Thomas Le Blanc in seinen Büchern. 250.000 hat er in der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar seit 1989 gesammelt. Bild: Fricke, Helmut

Thomas Le Blanc liest Science-Fiction-Romane und sagt daraus die Zukunft vorher. Texte telepathisch ins Gehirn zu senden - das hält er für machbar. Beamen eher nicht so.

          Herr Le Blanc, wie sind Sie heute Morgen zur Arbeit gekommen?

          Ziemlich früh, mit dem Auto.

          Werden wir in zwanzig Jahren noch mit dem Auto zur Arbeit fahren?

          Ich fürchte, dass wir dann immer noch genügend Erdöl dafür haben - auch wenn das dann teurer sein wird.

          Ich hätte jetzt damit gerechnet, dass Sie von schwebenden Autos sprechen.

          Die, die wir immer im Film sehen, funktionieren mit Antigravitation. Man sollte zwar ein bisschen vorsichtig sein mit Voraussagen, aber es sieht im Augenblick nicht so aus, als würden wir in absehbarer Zeit die Gravitation ausschalten können. Man müsste also die herkömmlichen Methoden des Fliegens nutzen, es müsste also zum Beispiel ein Rotor am Auto sein. Ich glaube nicht, dass das im Straßenverkehr funktioniert. Und es würde das Problem nicht lösen: Die schwebenden Autos müssten ja auch wieder mit Kerosin betankt werden.

          Sie sagten, man solle mit Voraussagen vorsichtig sein. Das ist ja aber das, was Sie mit Ihrem Forschungsprojekt „Future Life“ machen: Voraussagen treffen.

          Na ja. Die Science-Fiction ist keine Wissenschaft, die die Zukunft exakt voraussagt.

          Aha.

          Es ist noch nicht einmal eine Zukunftsforschung. Ein Zukunftsforscher berechnet die Wahrscheinlichkeiten von bestimmten Vorgängen und geht unmittelbar von der Realität aus. Die Science-Fiction ist ein Spiel mit Möglichkeiten. Ein Autor stellt sich vor: Erdöl ist alle. Dann überlegt er sich, wie man das Problem lösen könnte. Es könnte tolle Batterien geben, und wir fahren überall mit Elektroautos herum. Oder er denkt, wir haben ja zwei Beine, also lassen wir die ganze Technik. Wir suchen nach Einzelideen, die so interessant sind, dass wir sie heute oder in naher Zukunft umsetzen können. Und wir schauen, ob es in den verschiedenen Szenarien bestimmte Grundrichtungen gibt - ob sich dadurch also Wahrscheinlichkeiten abzeichnen, dass die Welt bald so oder so aussehen wird.

          Und? Wie sieht sie bald aus?

          Wir haben dafür zwei Szenarien entdeckt - vorausgesetzt, die Gesamtentwicklung ist positiv. Es kann natürlich sein, es kommt eine große Katastrophe und wir müssen uns in Höhlen verstecken, weil alles radioaktiv verstrahlt ist. Aber wenn so wie im Moment jeden Augenblick neue Technologien auf den Markt kommen, gibt es zwei mögliche Szenarien: Entweder die Menschen sagen, sie haben durch die ganze Technik Freizeit gewonnen und investieren diese in den sozialen Umgang - gehen also mehr aus. Die andere Möglichkeit ist, dass die Menschen sagen: Mein vollautomatisches Haus ist so toll, ich muss gar nicht mehr rausgehen. Der Endzustand ist dann der, dass ich nur noch faul zu Hause in einem Nährtank liege, über eine Nadel im Arm am Leben erhalten werde und die Welt virtuell durch einen Datenhelm erlebe.

          Das ist doch schon so präsent, dass wir es heute schon erschreckend finden.

          Es gibt Leute, die finden das nicht erschreckend.

          Und welches Szenario wird nun eintreten?

          Beide. Es wird unsere individuelle Entscheidung sein, wie wir leben wollen. So wie ja jetzt schon, bei der Zeitung oder dem Buch zum Beispiel: Es gibt Leute, die wollen ihre Lektüre auf Papier, und es gibt Leute, die wollen auf irgendwelchen kleinen Geräten lesen. Irgendwann wird es noch die geben, die die Texte telepathisch ins Gehirn gesendet haben wollen.

          Ist das tatsächlich so?

          Das wird es geben, irgendwann.

          Wann?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kann man dem Pessimismus gegenüber der Welt irgendwie entkommen?

          Gute Nachrichten : Die Welt ist gar nicht so schlecht

          Steigende Ungleichheit, Umweltkatastrophen und Terrorismus: Oft hat man das Gefühl, dass die Welt schlechter wird – doch in Wahrheit wird sie besser. Wir wollen das nur nicht glauben.

          Brexit-Debakel : Jetzt wird der Brexit lästig

          Nach der Chaos-Woche in London steht die britische Regierung jetzt endgültig im Regen. Doch politisch sind viele Akteure Lichtjahre voneinander entfernt. Wie lange noch?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.