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Im Gespräch: Wolfgang Gerhardt : „Der Fehler wurde am Anfang gemacht“

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„Die Sache ist schon dramatisch“: Wolfgang Gerhardt. Bild: Röth, Frank

Der ehemalige FDP-Bundesvorsitzende glaubt noch an die Zukunft seiner Partei. Was soll er auch sonst sagen?

          2 Min.

          Haben Sie den Untergang der FDP in Berlin und die Hinfälligkeit der Partei in Wiesbaden erwartet?

          Nein. Ich hatte für den Bund sieben Prozent im Hinterkopf.

          Und für Hessen?

          Da war ich auch optimistisch und glaubte an eine Fortsetzung der bürgerlichen Koalition.

          Haben Sie noch in der Nacht vom Überleben der FDP in Hessen erfahren?

          Am nächsten Morgen. Ich war bis zwölf bei den Fernsehanstalten herumgereicht worden und bin dann ins Bett gegangen.

          Was empfehlen Sie Ihren Parteifreunden in Hessen?

          Zunächst darf man dankbar festhalten: Sie haben eine parlamentarische Existenz, das ist schon einmal sehr wichtig. Sie werden aber keine Regierungsverantwortung tragen, daran muss sich eine Partei erst einmal gewöhnen. Da sie ja auch eine Ampel abgelehnt haben, was ich richtig finde, müssen sie ihre Rolle als Oppositionspartei finden.

          Unter welchen Voraussetzungen haben die hessischen Liberalen aus der Opposition heraus eine Chance, wiedergewählt zu werden?

          Das geht nur mit einer dringend notwendigen Ansehensverbesserung der FDP auch im Bundesgebiet, die mit der Wahl Christian Lindners zum Parteivorsitzenden beginnen wird.

          Auf Lindner hatten Sie ja schon früh gesetzt.

          Das ist richtig. Ich habe mit ihm schon Gespräche geführt, als es um die Westerwelle-Nachfolge ging. Ich hätte es ihm damals schon zugetraut. Ich glaube, dass er wirklich die Chance hat, respektiert zu werden.

          Wen sehen Sie als Hoffnungsträger der hessischen FDP?

          Da gibt es eine Reihe von geeigneten Persönlichkeiten. Ich nenne die Namen Jörg-Uwe Hahn, Nicola Beer und Florian Rentsch.

          Aber Jörg-Uwe Hahn hat ja bereits verzichtet.

          Also, ich sage intern meine Meinung, aber öffentlich halte ich mich aus Personaldiskussionen heraus.

          Das ist aber enttäuschend.

          Klar, aber ich wäre kein guter FDP-Politiker, wenn ich jemandem Knüppel zwischen die Beine werfen würde. Sie müssen bedenken, dass die Regierung noch im Amt ist.

          Und zwar bis Januar und danach noch möglicherweise für längere Zeit geschäftsführend. Aber vielleicht wollen Sie ja sagen, wer am Debakel der Bundespartei mehr Schuld trägt: Westerwelle oder Rösler?

          Die entscheidenden Fehler wurden am Beginn der Legislaturperiode gemacht. Mit einem schlecht ausgehandelten Koalitionsvertrag, mit dem Verzicht auf ein Minimum an Steuerreformen. Dafür kann man Philipp Rösler nicht verantwortlich machen.

          Und die Nachfolgetruppe?

          Der ist die Arbeit nicht so geglückt, wie wir alle uns in der FDP das erhofft hatten. So lautet ja auch das Urteil der Wähler.

          Schwingt bei Ihnen gegenüber Westerwelle, der Sie ja aus dem Amt des Vorsitzenden gedrängt hatte, ein Hauch von Schadenfreude mit?

          Überhaupt nicht. Ich sähe die FDP doch lieber im Bundestag, als mir schadenfroh die Hände zu reiben. Die Sache ist schon dramatisch.

          Sehen Sie denn wirklich eine reale Chance für ein Erstarken der FDP, wenn sie kein bundespolitisches Forum mehr hat?

          Ja. Lindner ist eine Persönlichkeit, die wahrgenommen wird. Und es wird auf alle Mitstreiter ankommen, ihn zu unterstützen.

          Die Wähler haben die FDP in der Bundespolitik offensichtlich für überflüssig gehalten. Sie sehen das sicherlich anders.

          In der Tat. Sollte es in Berlin etwa zu einer großen Koalition aus CDU und SPD kommen, zerfließen die Grenzen. Es wird in der Steuerpolitik und in den Entscheidungen für die Schuldentilgung in der Eurozone keinen echten Widerstand gegen Forderungen der SPD geben, das prognostiziere ich. Das kostet dann wahrscheinlich richtig Geld.

          Die Fragen stellte Peter Lückemeier.

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