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Im Gespräch: Ursula Hammann : „Dem Tierschutz bei der Jagd mehr Gewicht verleihen“

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Mitgeschöpfe: „Den Hasen muss wieder Nahrung geboten werden“, sagt Ursula Hammann, Grünen-Landtagsabgeordnete. Bild: Michael Kretzer

Die naturschutzpolitische Sprecherin der Grünen verteidigt den umstrittenen Entwurf für eine neue Jagdverordnung. „Es muss eine Rechtfertigung dafür geben, Leben zu vernichten.“

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          Sie sind Tierschützerin mit Herzblut, haben aber jüngst den Jagdschein erworben. Wie passt das zusammen?

          Ich habe einen Jagdschein, um auf Augenhöhe mit den Jägern diskutieren zu können, um ernst genommen zu werden. Ich will deutlich machen, dass wir Grünen Änderungen nicht aus ideologischen Gründen anstreben, sondern weil wir aufgrund von wissenschaftlichen wildbiologischen Erkenntnissen die Notwendigkeit sehen, in bestimmten Bereichen Änderungen im Sinne des Tierschutzes vorzunehmen.

          Welche Erfahrungen haben Sie während des Lehrgangs gemacht? Mussten Sie Tiere töten?

          Nein, das nicht. Aber ich musste in der Prüfung beweisen, dass ich treffen kann. Im Unterricht bekommt man viel über die Traditionen der Jagd vermittelt, man muss wissen, welche Tierarten zu welcher Zeit bejagt werden dürfen und welche nicht, man erfährt viel über mögliche Tierkrankheiten, und man muss natürlich auch ein Gewehr handhaben können.

          Das heißt, Sie haben sich über das Jagen ausgiebig informiert, aber Sie wollen nicht auf die Jagd gehen?

          Das habe ich nicht vor.

          Hat sich Ihr Bild vom Jagen und vom Jäger durch die Prüfung verändert?

          Ich habe bestätigt gesehen, dass es unter den Jägern viele gibt, die den Tierschutz ernst nehmen. Aber da sind eben auch solche, für die die Jagd vor allem sportliches Vergnügen ist. Die fragen sich nicht, ob es wirklich notwendig ist, ein bestimmtes Tier zu schießen, denen geht es nur ums Töten oder das mit dem Jagdschein verbundene Prestige. Ich gehöre nicht zu jenen, die meinen, es dürfe überhaupt nicht gejagt werden. Aber es muss eine Rechtfertigung dafür geben, Leben zu vernichten. Sinnloses Töten oder Töten nur aus sportlichen Gesichtspunkten lehne ich absolut ab.

          Jagd ist eine der wichtigsten Aufgaben im Ökosystem-Management und kein Hobby, argumentieren Ihre Kritiker im Landesjagdverband. Würden Sie diese Aussage unterschreiben?

          Die Jagd kann kein Hobby sein. Diese Aussage ist richtig. Sie ist gelegentlich zur Regulierung notwendig, durchaus. Aber grundsätzlich muss das Thema Wildbiologie bei der Jagd eine stärkere Rolle spielen. Wer als Jäger ernst genommen werden will, darf die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft nicht ignorieren, aber viele verweigern sich solchen Einsichten vehement. Die Proteste, die jetzt bei mir eingehen, sind jedenfalls zum Teil unterste Schublade.

          Beispielsweise?

          Da heißt es, wir seien grüne Spinner und Schreibtisch-Ideologen. Auch der Landesjagdverband betreibt eine unglaubliche Kampagne, es werden bewusst Unwahrheiten verbreitet, Fakten falsch dargestellt und Ängste geschürt. Da wird zum Beispiel behauptet, es sei keine Bejagung des Feldhasen mehr zulässig, sondern es gebe nur noch ein Monitoring der Bestände. Stimmt nicht. Der Feldhase kann durchaus zu bestimmten Zeiten bejagt werden, aber eben nur dann, wenn es ausreichend Tiere gibt und dies überzeugend dokumentiert ist.

          Ist der Landesjagdverband repräsentativ für die Haltung der Jäger?

          Nein, nicht für alle, denn natürlich gibt es Jäger, die sich mit der geplanten Neuregelung identifizieren können. Auch der Ökologische Jagdverein Hessen vertritt vieles von dem, was wir jetzt in der Verordnung festhalten wollen, schon seit Jahren.

          Der ist aber auch deutlich kleiner als der Landesjagdverband.

          Das ist richtig. Es ist daher bedauerlich, dass der Landesjagdverband eine solche massive Stimmungsmache betreibt und uninformierte Jägerinnen und Jäger mit Falschinformationen dazu bringt, aktiv zu werden.

          Dennoch: Die Änderung der Jagdverordnung ist ein Herzensthema der Grünen. In einer CDU/FDP-Koalition wäre das doch kein Thema gewesen?

          Das kann man so sagen. Wir haben in den Koalitionsverhandlungen mit der CDU darauf gedrungen. Aber der Entwurf für die neue Landesjagdverordnung ist ein Kompromiss, das ist nicht die grüne Wunschliste.

          Mussten Sie die CDU zum Jagen tragen?

          Es waren sehr gute Gespräche. Natürlich ist es nicht einfach mit einem Koalitionspartner, der voll auf die Jagd setzt und in seinen eigenen Reihen viele Jäger hat, die jetzt mobilmachen. Aber der Landesjagdverband sollte jedenfalls nicht so tun, als habe er von all dem nichts gewusst. Vertreter des Verbandes waren in die Vorgespräche zur neuen Verordnung ebenso einbezogen wie die Staatliche Vogelschutzwarte und ein Wildbiologe. Wir sind die einzelnen Tierarten durchgegangen und haben gefragt, aus welchen Gründen ein bestimmtes Tier geschossen werden sollte. Auf die Frage, beispielsweise, warum die Graugans geschossen werden müsse, welche Schäden in Hessen durch die Graugans entstanden sind, gab es dann keine Antwort.

          Die Bestände der Graugans nehmen überhand.

          Nein. Das ist ebenfalls eine falsche Information des Landesjagdverbandes. Es gibt Graugänse in größeren Beständen in der norddeutschen Tiefebene und selbst dort bei weitem nicht in der Menge wie in Holland. In Hessen ist die Zahl sehr überschaubar. Laut Angaben der Staatlichen Vogelschutzwarte befindet sich die Graugans in Hessen in einem ungünstigen, unzureichenden Erhaltungszustand. Darüber hinaus führt eine Jagd auf Graugänse zu Problemen in der Herbst-/Winterzeit, wenn andere, geschützte Gänsearten mit ins Feuer geraten.

          Graugänse sind nicht so schlecht wie ihr Ruf?

          Echte materielle Schäden auf den Feldern durch Graugänse sind jedenfalls nicht dokumentiert worden, und dennoch haben wir gesagt: Grundsätzlich keine Jagdzeit für Graugänse, aber es sind Ausnahmen möglich, wenn sie Schäden in der Landwirtschaft verursachen. Dann kann man – analog zum Kormoran bei Fischbestand – auf Einzelantrag bei der Jagdbehörde eine Ausnahmegenehmigung für eine Vergrämung erhalten. Voraussetzung ist allerdings, dass der Schaden dokumentiert ist, und das wäre dann das erste Mal, dass das nachgewiesen würde.

          Was geschieht, wenn ein Jäger auf eine Graugans zielt und stattdessen eine unter Schutz stehende Gans trifft? Dumm gelaufen?

          Das würden die meisten Schützen wohl so lapidar kommentieren. Dabei ist das ein Vergehen. Eine geschützte Gans darf nicht geschossen werden, Punkt. Wenn das trotzdem geschieht, wird das aber in den seltensten Fällen jemand mitkriegen. Der Jagdgenosse, der als Zeuge dabei ist, wird im Zweifelsfall schweigen.

          Für nächsten Samstag hat der Landesjagdverband zur Demonstration gegen die Jagdverordnung in Wiesbaden geblasen. Sind die Grünen noch für Veränderungen im Sinne der Jäger offen?

          Nichts ist in Blei gegossen, die Politik muss ja auch auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse reagieren. Die auf Wunsch des Jagdverbandes verlängerte Expertenanhörung läuft noch, aber es muss vernünftige Argumente für Veränderungen geben, und bisher habe ich noch keine gehört, sondern nur Unterstellungen und Diffamierungen aus der Jägerschaft. Die Tierschützer sagen, das, was die schwarz-grüne Koalition vorhat, ist nicht weitreichend genug, man müsse noch viel mehr tun. Die Jägerschaft behauptet das Gegenteil.

          Sehen wir uns die ein oder andere Regelung im Detail an. Warum mögen die Grünen Rabenkrähen und Elstern so sehr, dass sie die Jagdzeit drastisch auf nur zehn Wochen im Jahr verkürzen wollen? Im Bestand bedroht sind diese Arten doch nicht.

          Nein, sie sind nicht bedroht. Aber es hat keinen Sinn, Rabenvögel zu töten. Da wird schon seit Jahren eine sehr emotionale Diskussion geführt.

          Rabenvögel haben ein schlechtes Image.

          Das kann man zweifellos sagen. Aber die Experten von der Staatlichen Vogelschutzwarte haben eine Bejagung von Rabenkrähe und Elster schon immer als Unfug angesehen. Rabenkrähe und Elster gelten nicht als jagdbares Wild und haben daher auch keine bundesrechtlichen Jagdzeiten. Es gibt Bundesländer, in denen es für Rabenvögel überhaupt keine Jagdzeit gibt. Das sind das Saarland und Mecklenburg-Vorpommern.

          Rabenvögel machen aber doch Bodenbrütern und Singvögeln den Garaus?

          Das stimmt so nicht. Rabenvögel und Elstern nehmen jedenfalls keinen Einfluss auf die Populationsentwicklung von Singvögeln. Außerdem räubern auch Igel und Eichhörnchen Nester – das Beispiel zeigt, dass hier viel Emotion mit im Spiel ist. Elstern und Krähen sind einfach nicht niedlich genug.

          Wieso sieht man dann immer weniger Singvögel?

          Die wichtigsten Ursachen für den Rückgang der Artenvielfalt auf Äckern, Wiesen und Weiden sind regional unterschiedlich; die intensive landwirtschaftliche Nutzung, die Zerschneidung und Zersiedlung der Landschaft, die Versiegelung von Flächen sowie großräumige Stoffeinträge. Das heißt, der Lebensraum für Tiere muss wieder verbessert werden, man braucht Hecken, Rückzugsgebiete – auch den Hasen muss wieder Nahrung geboten werden, zum Beispiel Wildgräser und Weißklee. Ein Hase braucht bestimmte Kräuter, um überleben zu können. Dort, wo Monokulturen vorherrschen, haben Rebhuhn und Hase keine Chance.

          Zeichnen Sie da nicht ein sehr düsteres Bild von der modernen Landwirtschaft?

          Bestimmte Bedürfnisse bestimmter Tierarten werden jedenfalls nicht erfüllt, und deshalb gibt es Bestandsrückgänge. Es hilft diesen Arten auch nicht, wenn ihre vermeintlichen Feinde geschossen werden.

          Zurück zur Natur! Ist das nicht eine sehr idyllische Vision von einer wettbewerbsfähigen Landwirtschaft?

          Ich finde, man muss den Mut haben, in diese Richtung zu gehen. Die ökologische Landwirtschaft beweist, dass dies geht. Ein gutes Beispiel ist die Hessische Staatsdomäne Frankenhausen.

          Hasen und Stockenten dürfen künftig nur noch bei „ausreichender Besatzdichte“ geschossen werden. Wer legt denn nach welchen Kriterien fest, ob das so ist? Der Jagdverband fürchtet, die Naturschützer könnten auf diesem Weg direkten Einfluss auf die Jagdbarkeit von Tierarten nehmen.

          Es gibt wissenschaftliche Studien zu Bestandsdichten, es gibt Erhebungen der Staatlichen Vogelschutzwarte – mit Prognosen für die künftige Entwicklung. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte man die Bejagung von Hasen und Stockenten für ein paar Jahre ganz ausschließen können und hätte dann mal gesehen, wie sich die Populationen entwickeln.

          Diese Studien, die Zahlen der Vogelschützer – das sind objektive Kriterien?

          Welches Eigeninteresse sollte die von drei Bundesländern – Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland – getragene Staatliche Vogelschutzwarte haben? Die Jäger sind es doch vielmehr, die ein solches Eigeninteresse haben. Teile des Landesjagdverbandes glauben, ihnen gehören alle Tiere, die frei herumlaufen. Das kann nicht sein. Der Landesjagdverband hat nicht das alleinige Entscheidungsrecht über Leben und Tod von Tieren in Wald und Flur.

          Die Fragen stellte Ralf Euler.

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