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Im Gespräch: Thorsten Schäfer-Gümbel : „Die Finanzwelt besteht nicht nur aus Zockern“

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Finanz-Stratege: Seit Thorsten Schäfer-Gümbel die Hessen-SPD führt, kümmert sich die Partei um Finanzplatz-Themen mehr denn je. Bild: dpa

Die SPD gefällt sich oft im Beschimpfen der Finanzwelt. Hessens oberster Sozialdemokrat beschränkt sich nicht darauf. Er fordert mehr Regeln und eine Finanzsteuer - um den Bankenplatz zu stärken.

          Von Ihrer Vorgängerin Andrea Ypsilanti ist im Grunde nur ein Satz zum Finanzplatz in Erinnerung geblieben: ein Boykottaufruf gegen die Deutsche Bank. Ist die Haltung der SPD zum Finanzplatz heute differenzierter?

          Das Thema Finanzplatz ist heute deutlich vielschichtiger als zu der Zeit, als Josef Ackermann im Mannesmann-Prozess auftrat. Natürlich hat die Sozialdemokratie auf diese veränderte Situation eine differenziertere Sicht und differenziertere Standpunkte.

          Aber gerade erst haben Sie den Bankern Zockermentalität vorgeworfen. Damit zeichnen Sie doch auch ein sehr einseitiges Bild von dem, was in Frankfurt 70000 Menschen beschäftigt.

          Ich lasse mich nicht in die Schublade der pauschalen Bankenkritiker stecken. Ich betone in diesem Zusammenhang immer wieder, dass wir hier in Frankfurt auf der Seite der ehrbaren Kaufleute stehen. Die Finanzwelt besteht schließlich nicht nur aus Zockern. Da sehe ich mich im Bündnis mit vielen Vorständen und Mitarbeitern von Banken. Es gibt eben einen kleinen Teil von Bankern, der so weiter macht, als wäre nichts passiert. Der Libor-Skandal ist ein Ausdruck dieser Mentalität: Ein paar wenige Banker glauben, sie könnten auf dem Rücken der Bürger, der Realwirtschaft, der Politik und auch der Kollegen am Finanzplatz so tun, als gehöre ihnen die Welt.

          Wie viel darf Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain Ihrer Meinung nach verdienen?

          Es ist nicht meine Aufgabe, Gehaltsverhandlungen mit Anshu Jain zu führen. Was ich einfordere, ist, dass Leistung und Einkommen zueinander passen. Ich kenne einen Baukonzern, in dem es die Richtlinie gibt, dass der Vorstandsvorsitzende nicht mehr als acht Mal so viel verdienen darf wie der Lagerarbeiter. Bei der Deutschen Bank verdienen manche Mitarbeiter 500 Mal mehr als andere. Es gibt sittenwidrige Gehälter nach unten wie nach oben.

          Wie hoch darf der Boni-Anteil sein?

          Die Boni sollten auf keinen Fall die Höhe des Fixgehalts übersteigen. Vor allem dürfen Boni nicht Anreize zum Betrug schaffen, wie es im Libor-Skandal der Fall war.

          Sie sind Freund einer Finanztransaktionssteuer. Warum sind Sie für eine Abgabe, die dem Finanzplatz Frankfurt schaden wird?

          Sie schadet dem Finanzplatz nicht, wenn wir sie richtig machen - im Gegenteil. Eine solche Steuer ist ein Instrument der Gerechtigkeit, weil die Verursacher endlich auch an den Kosten der Krise beteiligt werden.

          Aber Kleinanleger und Leute, die einen Aktienfonds gekauft haben, haben die Krise doch nicht verursacht. Auf die würden die Kosten einer solchen Steuer jedoch abgewälzt.

          Leider sind es die Kleinanleger, die immer wieder unter dem verantwortungslosen Handeln einzelner Finanzakteure leiden müssen. Es waren schließlich gerade sie, die die Auswirkungen der Krise in ihren Depots massiv zu spüren bekommen haben. So wie mit der Krise im Moment unter Angela Merkel umgegangen wird, liegt das gesamte Haftungsrisiko aber ohnehin bei den Bürgern. Jetzt ein Gegeninstrument zu entwickeln, das Anleger künftig vor solchen, von verantwortungslos handelnden Finanzakteuren ausgelösten Krisen schützt, halte ich für richtig. Die Finanztransaktionssteuer ist dabei ein Instrument unter vielen.

          Wie soll eine neue Steuer dem Finanzplatz nutzen?

          Damit Steuern und Regulierungsinstrumente zur Entfaltung kommen können, sollten alle Geschäfte, die im Moment zwischen den Banken und an der Börse vorbei abgewickelt werden, konsequent über die Börse laufen. Ich schätze die Börsen dafür, dass es dort klare, transparente Regeln gibt. Die Deutsche Börse etwa wird davon profitieren. Andere Akteure werden auch Teile ihrer Geschäftsmodelle überdenken müssen.

          Wenn man die Schattenbörsen abschafft, heißt das doch nicht, dass die Geschäfte dann über die Plattformen der Deutschen Börse gemacht werden. Warum sollten sie nach Frankfurt kommen, wenn hier stärker reguliert und eine Steuer eingeführt wird?

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