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Im Gespräch: Steffen Seibert : „Im Zug des Lebens in Fahrtrichtung“

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Dennoch sind Sie jetzt eher ein Verkäufer.

Das bin ich nicht. Ich biete keine Ware an, sondern Information über das Handeln der Bundesregierung, auf die jeder Bürger Anspruch hat. Wenn Sie schon ein Wort dafür brauchen, dann bin ich ein Erklärer. Natürlich habe ich mich in dieser Rolle, anders als früher, zur Parteilichkeit bekannt. Ich trete mit Überzeugung dafür ein, was diese Regierung für unser Land tut, und wüsste nicht, wie man diese Rolle mit einem inneren Abstand zur Regierungsarbeit ausfüllen könnte. Ich finde es ein Privileg und ein Vergnügen, für eine Regierungschefin zu arbeiten, hinter der ich stehe.

Das Privileg liegt worin?

Es besteht erst mal darin, glücklich in seiner Arbeit zu sein.

Wir unterstellen, dass Sie das vorher auch waren.

Ich hatte sehr schöne Momente in 21 Jahren Journalismus, dennoch finde ich, dass ich jetzt in einer besonders glücklichen Phase meines Arbeitslebens bin.

Was macht dieses Glück genau aus?

Ich versuche es besser nicht zu beschreiben.

Liegt es darin, für eine Regierungschefin zu arbeiten - oder für diese Regierungschefin?

Für Angela Merkel im Besonderen. Was mir auch gefällt, ist, dass ich jetzt viel tiefer in die Themen einsteige als als Nachrichtenmoderator. Ich hielt mich nicht für den oberflächlichsten Moderator, aber so tief wie jetzt bin ich in kein einziges Thema eingedrungen. Ist doch eine großartige Chance, mit fünfzig plus noch einmal so viel lernen zu müssen. Auch neue Fertigkeiten zu entwickeln und ein politisches Denken zu gewinnen, das ich so vorher nicht hatte. Kurzum: Ich mache das gerne.

Liegt das Privileg auch darin, interessante Leute aus der Nähe kennenzulernen?

Das spielt natürlich eine Rolle. Wer sagt, es lasse ihn kalt, Herrn Obama, Herrn Putin oder Herrn Hollande so gegenüberzusitzen, wie ich es jetzt erlebe, der lügt. Journalisten kommen immer nur bis zu einem gewissen Punkt, dann schließt sich die Tür. Kann auch sein, dass dieser Abstand für die Berichterstattung hilfreich ist. Ich stelle fest, auf der anderen Seite der Tür dabei zu sein ist faszinierend. Und es hilft mir viel besser zu verstehen, warum Regierungen so oder so handeln.

Wer hat Sie am meisten überrascht?

Ich will über keinen Einzelnen sprechen, da bin ich jetzt ein langweiliger Gesprächspartner für Sie.

Bis jetzt geht’s einigermaßen.

Sagen wir es so: Nach meinem Eindruck ist manchmal das veröffentlichte Bild einer Person ganz schön weit weg davon, wie ich die Person erlebe. Das Denken in Stereotypen ist nun einmal gang und gäbe. Als Journalist war ich doch davon auch nicht frei. Man gibt jemandem gern ein Etikett, der eine poltert, der andere ist professoral, einem wird gleich jedes Charisma abgesprochen, dafür ist der andere notorisch hyperaktiv und so weiter - alles ziemlich eindimensional.

Nehmen Sie solche Eindrücke mit nach Hause? Erzählen Sie der Familie, Putin sei viel kleiner, als er im Fernsehen wirke, und der Sowieso habe eine unmögliche Krawatte getragen?

Den Kindern erzähle ich das nicht. Die Einzige, die vieles erfährt, ist meine Frau, weil sie schweigen kann.

Haben Sie gelegentlich den Eindruck, ein Regierungssprecher könne noch so seriös arbeiten, aber gegen die Geschwätzigkeit von Politikern komme er nicht an?

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