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Im Gespräch: Siegfried Dietrich : „Der FFC Frankfurt ist keine Showbühne“

  • Aktualisiert am

Siggi Dietrich, der ehemalige Eiskunstlauf-Promotor, fühlt sich ganz in seinem Revier. Bild: Röth, Frank

Der Manager des Frauenfußballvereins über Abby Wambach und Birgit Prinz, den neuen Ligarivalen Wolfsburg und den Ehrgeiz, das Pokal- und Champions-League-Finale zu erreichen.

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          Birgit Prinz hat in der vergangenen Woche ein Tor für Hoffenheim geschossen, wo sie ihre Karriere in der zweiten Bundesliga ausklingen lässt ...

          Das muss für sie ein schönes Gefühl gewesen sein, weil sie wahnsinnig gerne Fußball spielt!

          Aber das Tor hat sie doch in Ihren Augen sicherlich im falschen Trikot geschossen, oder? Sie wollten Sie schließlich zu einem Comeback in Frankfurt überreden, um die Not im Sturm in der am Sonntag mit dem Spiel gegen Leipzig beginnenden Rückrunde zu lindern.

          Birgit hat dem professionellen Fußball ade gesagt, dabei ist sie geblieben. Sie will aber noch ein wenig spielen und mittrainieren. Das passt für sie in Hoffenheim mit dem Praktikum als Sportpsychologin zusammen. In Frankfurt hätte das für sie keinen Sinn mehr ergeben, just for fun bei uns im Zweitligateam zu spielen. Wir werden sicher in absehbarer Zeit enger zusammenarbeiten, wenn sie weitere berufliche Erfahrungen als Sportpsychologin gesammelt hat.

          Wie geht es bis dahin mit dem FFC ohne Birgit Prinz weiter?

          Wir haben uns aus der kleinen Krise im Herbst rausgespielt und vor Weihnachten noch wichtige Spiele gewonnen. Jetzt macht mir das Team einen äußerst motivierten und hungrigen Eindruck. Wir sind personell bestens aufgestellt.

          Sie haben erstaunlicherweise auf Verstärkungen für die Rückserie verzichtet. Kam die Absage der Saison der amerikanischen Profiliga WPS am 31. Januar kurz vor Ende der Transferfrist zu spät?

          Zunächst einmal finde ich es sehr schade, dass in einem Land wie Amerika die Liga mangels guter Strukturen und Konzepte zum wiederholten Mal floppt. Da sind wir mit der DFB-Bundesliga wirklich erstklassig aufgestellt. Und die WPS-Saison ist tatsächlich zu einem schlechten Zeitpunkt abgesagt worden. Wir haben noch mit dem Trainer diskutiert, uns dann aber gegen eine kurzfristige Hauruck-Aktion entschieden.

          Aber es hätte doch seinen Charme gehabt, beispielsweise einen Superstar wie Abby Wambach zu verpflichten, die durch die WM in Deutschland eine gewisse Popularität erworben hat.

          Ich muss dazu sagen: Der FFC ist keine Showbühne, sondern ernsthaft daran interessiert, seine Mannschaft in Europa sportlich ganz vorne zu plazieren. Abby Wambach wäre höchstens als kurzfristige Geschichte ohne sportliche Langzeitwirkung gegangen. Wenn wir aber was gemacht hätten, dann wäre es uns um eine langfristige Geschichte gegangen. Ein Neuzugang hätte sich bei uns einspielen müssen. Das hätte mit einer amerikanischen Nationalspielerin aber nicht funktioniert, da die Top Zwanzig an den Verband gebunden sind und zu Olympia-Vorbereitungslehrgängen gemusst hätten. Einen gewissen Reiz will ich der Geschichte nicht absprechen, aber wir haben mit unseren Nationalspielerinnen wie Dzsenifer Marozsan und Svenja Huth oder der endlich wieder gesunden Kim Kulig genug eigene Perspektive zu bieten.

          Abby Wambach hätte für wichtige Pokal- oder Champions-League-Spiele die Vakanz im Sturm beheben können.

          Wir vertrauen unserer Offensive, die eine starke Rückrunde spielen wird. Nochmals: Wir denken langfristig. Wir warten lieber bis zum Sommer, um dann - wenn nötig - für die Offensive noch was zu tun.

          Da ist Ihnen aber gerade Alexandra Popp durch die Lappen gegangen, die sich für Wolfsburg entschieden hat.

          Ja, das hat sie. Aber sie hat sich nicht gegen uns entschieden, weil wir gar kein Angebot unterbreitet haben. Natürlich ist Alex Popp eine interessante Spielerin. Aber ich wusste, dass sie sich erst einmal nach Wolfsburg orientiert. Da gab es keinen Grund sich reinzudrängen, weil für uns Spielerinnen dann interessant sind, wenn sie auch wirklich nach Frankfurt wollen. Wir wollen niemanden mit Geld locken. Das ist bei unseren Gesprächen immer das letzte Thema.

          Wolfsburg hat offenbar als erster Männer-Bundesligaverein echte Ambitionen auf den Meistertitel. Wie reagieren sie auf die Kampfansage?

          Ich bin begeistert! Ich habe schon immer gesagt, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Wolfsburg legt nun eine gewisse Ernsthaftigkeit an den Tag. Das ist für die Gesamtentwicklung sehr gut. Sie haben seit Jahren Aufbauarbeit geleistet und greifen nun ganz oben an. Das nutzt dem Produkt Bundesliga.

          Ist es dennoch nicht schmerzlich, dass nicht mehr jede Spielerin automatisch zum FFC will?

          Auch wir können nur mit elf Spielerinnen auflaufen, und ein Automatismus war das noch nie. Jede Spielerin wird sich gut überlegen, wo sie hingeht. In Frankfurt haben wir die meisten Zuschauer, die größte Wahrnehmung, auch im Fernsehen. Und in der Vernetzung mit Sponsoren sind wir dem ein oder anderen einen Schritt voraus. Aber auch Wolfsburg oder Potsdam haben Dinge zu bieten, die vielleicht mancher Spielerin zusagen. Auch davor muss man den Hut ziehen.Wir haben aber auch schon Weichen gestellt mit der Verpflichtung von Simone Laudehr im Sommer, die sportlich und menschlich sehr gut zu uns passt.

          Was können die Ziele für diese Saison sein, in der der FFC auf Rang vier und ohne realistische Titelchance steht?

          In der Meisterschaft ist unser Ziel immer ein Champions-League-Platz. Den wollen wir erreichen, weil wir in diesem Wettbewerb präsent sein wollen. Zudem ist es immer Ziel des FFC, Endspiele zu erreichen, also das DFB-Pokalfinale in Köln und das Champions-League-Finale in München. Diese Spiele sind auch finanziell interessant für uns. Wenn dann noch Titel herausspringen, wäre das optimal.

          Könnten Sie also mit einem Champions-League-Sieg und einem enttäuschenden vierten Platz in der Bundesliga leben?

          Nein. Die Bundesliga ist der Maßstab für unsere sportliche Entwicklung über ein gesamtes Jahr gesehen. Bei einem vierten Platz müssten wir uns Sorgen machen. Aber so weit wird es nicht kommen, weil unser Team stark genug für mehr ist.

          Der Frauenfußball hatte sich Hoffnungen auf einen Boom nach der WM 2011 gemacht. Warum ist das ausgeblieben?

          Die WM hat dem Frauenfußball eine neue Popularität verliehen, und die Gesamtentwicklung ist viel positiver, als man nach dem WM-Aus erwarten konnte. Es reifen Gesichter heran von Bajramaj über Laudehr, Kulig, Marozsan bis hin zu Popp, die den Sport interessanter machen. Wir müssen akzeptieren, dass Frauenfußball noch immer jung ist als Sportart. Deshalb brauchen wir Geduld und sollten uns nicht immer mit dem Männerfußball vergleichen. In Relation zu anderen Frauen- und auch vielen Männermannschaftssportarten geht es uns gut.

          Das Gespräch führte Daniel Meuren.

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