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Im Gespräch: Schuhmacher Lenz : „Das Hirn ist weit weg von den Schuhen“

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In seinem Element: Wolfgang Lenz (71) war 48 Jahre lang Inhaber des ältesten Schuhmacherbetriebes in Frankfurt. Bild: von Siebenthal, Jakob

Bei Wolfgang Lenz im Geschäft werden die Schuhe noch selbst gemacht und repariert. Obwohl immer mehr Schuhmacher aufgeben mussten, sieht er die Zukunft der Branche positiv.

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          Herr Lenz, was halten Sie von Schuhen aus dem Discounter?

          Diese Plastiklatschen sind keine Schuhe, sondern reine Behältnisse für die Füße. Beim Friseur gibt man viel Geld aus, um gut auszusehen. Dabei wachsen die Haare wieder nach. Füße hat man nur einmal. Sie sind nur mit Bändern und Sehnen verbunden. Da wächst nichts mehr nach, trotzdem sparen die Leute bei den Schuhen. Heute zählt nur noch Mode bei den jungen Leuten. Das Hirn ist weit weg von den Schuhen.

          Wird den Kunden denn in Schuhgeschäften gesagt, was gut für ihre Füße ist?

          Die Geschäfte haben doch nur ein Ziel: so viele Schuhe wie möglich zu verkaufen. Die Folgen für die Leute, die diese Schuhe dann tragen müssen, sind denen egal. Aber heute hat doch auch niemand mehr Ahnung von dem, was er verkauft. Weder der Schuhverkäufer von Schuhen noch der Fleischverkäufer von der Wurst. Ich wollte sogar mal auf der Zeil einen Stand eröffnen und den Leuten erklären, wie wichtig gute Schuhe für ihre gesamte Körperhaltung sind. Wenn der Schuh drückt, kann ich eben nicht wie bei Kopfschmerzen zum Arzt gehen und mir ein paar Tabletten verschreiben lassen. Dann muss ich zu jemandem gehen, der das Problem analysieren und etwas dagegen tun kann. Wir Schuhmacher sind quasi der Ansprechpartner für 80 Millionen Menschen in Deutschland, denn Füße hat jeder.

          Warum gibt es dann immer weniger Schuhmacher in Frankfurt?

          Nach dem Krieg gab es in Frankfurt 600 Schuhmacher, heute sind es nur noch ungefähr 40. Dabei haben die Leute heute viel mehr Schuhe als früher. Aber die meisten davon werden billig irgendwo im Fernen Osten hergestellt. Diese Schuhe halten nicht lange. Wenn sie kaputt sind, werden sie weggeworfen und neue gekauft. Aber vor allem haben sich die Arbeitsgeräte der Schuhmacher verändert. Früher musste man noch alles per Hand machen, heute gehen viele Schritte maschinell, der Kleber ist besser und trocknet schneller. Wir brauchen daher für die gleiche Arbeit schlichtweg weniger Personal.

          Klingt nach einer schwierigen Zukunft für Schuhmacher.

          Ja, das stimmt. Aber das liegt vor allem daran, dass wir ein Nachwuchsproblem haben.

          Also sind Schuhmacher doch wieder gefragter als früher?

          Ja, in den letzten Jahren merkt man, dass die Leute wieder mehr auf ihre Schuhe achten und nachhaltiger denken. Es werden wieder mehr Schuhe repariert, anstatt sie wegzuwerfen. Aber wir haben einfach zu wenig Personal, um die ganzen Aufträge ausführen zu können. Für Maßschuhe hatten wir früher eine Lieferzeit von zwei bis drei Monaten, im Moment ist es ein halbes Jahr. Wir suchen bundesweit nach Gesellen und Meistern, aber es sind keine auf dem Markt. Selbst aus Russland und der Ukraine haben wir Schuhmacher angeworben. Doch das scheiterte am Ende leider an Sprachproblemen und einem unterschiedlichen Verständnis von Qualität. In unserem Geschäft sind im Moment zwei Meister, ein Geselle und drei Lehrlinge, aber das ist zu wenig.

          Die Lehrlinge haben in naher Zukunft ausgelernt, hat sich das Problem dann nicht gelöst?

          Sie sind dann zwar ausgebildete Schuhmacher, aber mit keinerlei Erfahrung. Wir benötigen dringend erfahrene Leute. Aber auch neue Lehrlinge zu finden ist trotz der Arbeitsmarktsituation sehr schwer. Wir nehmen jeden, der ein Interesse an einem Praktikum hat und sich vorstellen kann, in unserem Betrieb zu arbeiten. Aber es sind leider immer noch viel zu wenige.

          Welche Voraussetzungen muss ein Lehrling haben, um bei Ihnen anzufangen?

          Die Voraussetzungen sind eigentlich nicht sehr hoch, er sollte einen qualifizierten Hauptschulabschluss haben und lesen, schreiben und rechnen können. Außerdem muss er kreativ sein, denn ein Schuh entsteht zuallererst im Kopf. Am wichtigsten sind jedoch die Hingabe und Leidenschaft für den Beruf, für das handwerkliche Arbeiten. Denn die Kunden müssen später in dieser Leidenschaft laufen können.

          Könnte das Desinteresse auch darin liegen, dass der Beruf des Schuhmachers als wenig innovativ und modern gilt?

          Wir sind ein modernes Handwerk, nur die Tradition ist alt. Wir tauschen auch unsere Lehrlinge immer wieder für ein paar Wochen mit anderen Betrieben aus. Nicht nur in der Region, sondern auch nach Italien oder Frankreich. Jeder Meister hat eine andere Technik, und die Lehrlinge sollen so viele wie möglich davon erlernen. Sie müssten mal einen Lehrling sehen, der gerade seinen ersten Maßschuh hergestellt hat. Der ist stolz auf seine Arbeit und sein Handwerk, das für ihn modern und innovativ zugleich ist.

          Sie sehen die Zukunft des Schuhmacherhandwerks somit positiv?

          In den nächsten Jahren wird es in Frankfurt wieder mehr Schuhmacher geben. Das Anfertigen von Schlüsseln und Schildern in Schuhmacherbetrieben wird es in Zukunft kaum noch geben. Sie werden sich wieder auf das konzentrieren, was sie am besten können: Schuhe reparieren und qualitativ hochwertige Schuhe herstellen.

          Die Fragen stellte Simon Heinrich.

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