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Im Gespräch: Karin Hechler, Leiterin der Schillerschule : „G9 ist für mich das richtige Abitur“

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Möchte kein ’Abitur light’: Karin Hechler, die Direktorin des Gymnasiums Schillerschule. Bild: Kretzer, Michael

Die Schillerschule in Sachsenhausen war eine Vorreiterin der G8-Reform. Nun könnte das Gymnasium wiederum zu den Ersten gehören - bei der Rückkehr zu neun Jahren, wie sie die Landesregierung zum nächsten Schuljahr erlauben will.

          Direktorin Karin Hechler nennt Gründe, die für eine längere Schulzeit sprechen.

          Die Schillerschule war 2004 unter den ersten Frankfurter Gymnasien, die G8 eingeführt haben. Warum hatten Sie es damals so eilig?

          Das war eine pragmatische Entscheidung. Wir wussten ja, dass die Verkürzung auf jeden Fall kommt. Also wollten wir früher als die anderen damit anfangen, damit unsere Doppeljahrgänge noch vor der großen Welle an die Hochschulen kommen.

          Waren Sie denn auch inhaltlich dafür, die Gymnasialzeit zu verkürzen?

          Einige Argumente habe ich geteilt. Es gab ja tatsächlich eine Tendenz, dass manche Schüler erst mit 20 Jahren aus der Schule gekommen sind.

          Inzwischen hat der erste G8-Jahrgang Abitur gemacht. Wie sind Ihre Erfahrungen?

          Oberflächlich betrachtet, funktioniert G8. Die Abiturnoten waren ordentlich, es gab in dem Jahrgang sogar weniger Wiederholer als sonst.

          Also alles bestens?

          Nein. Viele Lehrer, Eltern, Schüler sind unzufrieden. Und wenn sich das innerhalb einer Schülergeneration nicht legt, muss man Konsequenzen ziehen. Welche Firma würde ein Automodell weiterproduzieren, das acht Jahre lang nicht angenommen wird - und zu den Kunden sagen: Ihr irrt euch, das fährt ganz toll? G8 ist machbar, aber der Preis dafür ist zu hoch, lautet ein Zitat von Eltern.

          Was ist der Preis von G8?

          Vor allem eine starke Verdichtung des Lehrstoffs in den Klassen fünf bis sieben. Die Anforderungen etwa in Mathematik oder mit der zweiten Fremdsprache in der sechsten Klasse sind heftig. Ein wichtiges Thema ist auch die Nachhaltigkeit. Die Eltern klagen darüber, dass ihre Kinder so schnell lernen müssen, dass sie nichts davon behalten.

          Das Kultusministerium will den Schulen bei der Verbesserung von G8 helfen.

          Was jetzt so vorgeschlagen wird, haben wir und viele andere längst gemacht. Doppelstunden, 30 Minuten Pause, Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag. Wir haben den, Tag soweit es geht, entzerrt.

          Es wird ja immer wieder gefordert, den Lehrplan zu entschlacken.

          Das ist genau eines der Wörter, die mir so gegen den Strich gehen! Weglassen, streichen, entschlacken, entrümpeln, abspecken. Theodor Storm ist kein Gerümpel, die attische Polis ist kein Speck und die Globalisierung will auch verstanden werden. Wenn man das alles weglässt, haben wir ein Abitur light.

          In England oder Frankreich hält man acht Jahre für ausreichend. Oder sind die Abiturienten dort dümmer?

          Wenn man die Bildungssysteme vergleicht, muss man genau hinschauen. Es gibt sehr unterschiedliche Traditionen. In England haben die Abiturienten nur vier Fächer, die Franzosen haben einen sehr lehrerlastigen Unterricht. In Deutschland haben wir dagegen immer ein sehr umfassendes Bildungsideal gehabt. Reichhaltig, gründlich, nachhaltig, das ist unsere Tradition.

          Was bedeutet das in der Schulpraxis?

          Zum Beispiel, dass sich die Schüler nicht zu früh spezialisieren. Auch die Persönlichkeitsbildung darf nicht zu kurz kommen. Es muss neben dem Lernen Zeit für Muße bleiben. Es soll nicht alles glattgebügelt und ausgedünnt werden, ab und zu soll auch etwas Wildes möglich sein. Wichtig ist, dass ein Gymnasium Menschen hervorbringt, die nicht nur oberflächlich vorgehen, die wissen, was Geschichte und Kultur bedeuten, wie man Konflikte löst. Aber dazu braucht man Zeit.

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