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Im Gespräch: Jutta Ebeling : „Niemand kann die Zeitzeugen ersetzen“

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Die Erinnerung wachhalten: In Jutta Ebelings Büro hängt ein Bild der deutsch-jüdischen Publizistin Hannah Arendt. Sie berichtete vom Prozess gegen Adolf Eichmann, einem der Hauptorganisatoren des Judenmordes. Bild: Röth, Frank

Beim Abschied Jutta Ebelings als Frankfurter Bürgermeisterin hielt die Holocaust-Überlebende Trude Simonsohn eine bewegende Rede. Jetzt wird Ebeling Vorsitzende des Fördervereins des Fritz-Bauer-Instituts, in dem sich Simonsohn von Beginn an engagiert hat.

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          Sie leiten jetzt den Förderverein des Fritz-Bauer-Instituts. Warum haben Sie sich zur Verfügung gestellt?

          Die Geschichte und die Wirkung des Holocaust beschäftigen mich schon lange. Von Beginn an habe ich das Fritz-Bauer-Institut, das ja aus dem Förderverein entstanden ist, politisch begleitet.

          War das Institut nicht ein Projekt der ersten rot-grünen Koalition damals unter dem SPD-Oberbürgermeister Volker Hauff, an der Sie als Dezernentin nicht unwesentlich beteiligt waren?

          Ja, wir haben damals als Koalition die Gründung befördert. Deshalb war es für mich jetzt eine Ehre und eine Selbstverständlichkeit, das Vorsitzendenamt im Förderverein zu übernehmen, nachdem ich gefragt wurde.

          Was haben Sie sich vorgenommen?

          Der Verein muss meiner Ansicht nach drei Ziele verfolgen. Zum einen muss er die Debatten, die im universitären Raum des Fritz-Bauer-Instituts geführt werden, stärker an die Öffentlichkeit tragen. Die Bürger sollen erfahren, welche Themen aktuell eine Rolle spielen. Bei unserer Mitgliederversammlung hat zum Beispiel der Publizist Heribert Prantl einen Vortrag über die Morde der rechtsterroristischen NSU gehalten. Der Zulauf zu der Veranstaltung war enorm und die anschließende Diskussion sehr lebhaft. So sollte der Verein weitermachen.

          Wie lautet Ihr zweites Ziel?

          Der Verein muss seine Mitglieder stärker aktivieren und neue gewinnen. Vor allem jüngere Leute. Sonst wird er ein Generationenprojekt der 55-plus-Leute. Als drittes möchte ich um Spenden werben, damit wir wichtige Projekte des Fritz-Bauer-Instituts angemessen unterstützen können.

          Wollen Sie Ihre Kontakte nutzen, die Sie als Bürgermeisterin geknüpft haben?

          Genau das möchte ich tun. Aber ich werde mögliche Unterstützer natürlich persönlich ansprechen und nicht über die Zeitung.

          Warum brauchen wir fast 70 Jahre nach der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager das Fritz-Bauer-Institut als ein Zentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust?

          Die Aufarbeitung dieses Verbrechens erfordert viel Zeit und Abstand. Vieles wird heute anders diskutiert als vor 30Jahren. Aber das Geschehene ist immer noch verstörend. Zum Beispiel die Mitarbeit von Personen, die mit dem NS-System verstrickt waren, beim Aufbau der Bundesrepublik Deutschland ist erst im vergangenen Jahrzehnt tiefer erforscht worden. Man denke nur an das Auswärtige Amt.

          Oder an die Justiz.

          Die NS-Verstrickung von Justiz-Mitarbeitern hat schon damals den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer umgetrieben. Ursula Krechel hat das Thema noch einmal ganz neu aufgegriffen in ihrem Buch „Landgericht“, das mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden ist. Es stellt sich bei der Beschäftigung mit dem Holocaust immer wieder die Frage nach Schuld, Verantwortung und den Mechanismen der Macht. Daraus müssen die Gesellschaft und die Politik auch heute noch ihre Schlüsse ziehen.

          Nur wenige Zeitzeugen wie etwa Ihre Freundin Trude Simonsohn leben noch und können von ihren Erlebnissen im Lager berichten. Wer wird sie ersetzen?

          Niemand kann sie ersetzen. Jeder, der geht, fehlt. Unser aller Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Erinnerung an den Zivilisationsbruch Holocaust nicht mit ihnen geht. Deshalb ist ja auch die Arbeit des Fritz-Bauer-Instituts so unverzichtbar. Im Museum Judengasse gibt es eine Ausstellung mit Briefen eines Auschwitz-Überlebenden. Kuratiert hat die Schau die Enkelin des Überlebenden. Manche Schulen sind in Kontakt getreten zu Nachkommen von Holocaust-Überlebenden. Auf Projekte, bei denen die Nachkommen der Opfer erzählen, muss man in Zukunft besonders achten.

          Sie als frühere Schuldezernentin wissen, dass die Hälfte der Neugeborenen mittlerweile aus Migrantenfamilien stammt. Warum sollten sich junge Menschen mit türkischen oder spanischen Wurzeln für den Holocaust interessieren und die deutsche Geschichte auch als ihre Geschichte annehmen?

          Antisemitismus und Rassismus sind keine rein deutschen Phänomene. Man findet sie weltweit. Es gilt, die aktuellen Erscheinungen mit den geschichtlichen Erkenntnissen in Deutschland zu verknüpfen. Jeder, der hier lebt, muss doch Grundkenntnisse der Geschichte dieses Landes erwerben, sonst versteht er das Land nicht, in dem er lebt. Er versteht nicht die Aggressionen, die Empfindlichkeiten, die Tagespolitik. Und er kann sich selbst nicht richtig positionieren. Man denke nur an die Debatte um die Beschneidung. Das Pädagogische Zentrum des Fritz-Bauer-Instituts und des Jüdischen Museums leistet gerade auch auf dem Feld der Vermittlung der NS-Geschichte an eine multikulturelle Umgebung eine hervorragende Arbeit. Wir als Verein fühlen uns in der Pflicht, alles zu tun, es dabei zu unterstützen.

          Womit wir beim Geld wären. Haben Sie schon eine Liste von Personen und Institutionen angelegt, die Sie als Mitglieder und Förderer gewinnen wollen?

          Natürlich habe ich schon eine solche Liste angelegt. Aber zuvorderst geht es um die Aktivierung der schon vorhandenen mehr als 800 Mitglieder in ganz Deutschland. In einem zweiten Schritt geht es darum, neue Mitglieder zu gewinnen. Aber ich kann schon jetzt sagen: Jede und jeder ist willkommen.

          Die Fragen stellte Hans Riebsamen.

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