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Im Gespräch: HSE-Chefin Wolff-Hertwig : „Alle müssen die Komfortzone verlassen“

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Marie-Luise Wolff-Hertwig, Vorstandsvorsitzende des Energieversorgers HSE: „Die Energiewende bedeutet ja auch generell ein Zurück zur Region.“ Bild: Eilmes, Wolfgang

Der Darmstädter Energieversorger HSE verdient kaum noch Geld. Jetzt hat die neue Vorstandsvorsitzende Marie-Luise Wolff-Hertwig einen Strategiewechsel angekündigt.

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          Bereuen Sie den Wechsel aus dem Mainova-Vorstand auf den Chefposten bei der HSE in Darmstadt?

          Ganz und gar nicht. Die HSE ein traditionsreiches und ein hochinteressantes Unternehmen, das in den vergangenen zehn Jahren durch Ideenreichtum und den Mut, neue Wege zu gehen, aufgefallen ist.

          Aber kaum haben Sie angefangen, müssen Sie der Belegschaft einen scharfen Sparkurs verkaufen. Gemütlich ist es bei der HSE gerade nicht.

          Diese Aufgaben stellen sich in unserer Branche gegenwärtig landauf, landab. Wir haben seit meinem Amtsantritt im Sommer die wirtschaftliche Lage der HSE auf den Prüfstand gestellt und eine Vorwärtsstrategie entwickelt, die uns bis 2017 konsolidiert und zu alter Stärke zurückführt. Es geht nicht nur um Sparen, sondern auch ums Wachsen. Wir optimieren Prozesse, konzentrieren uns auf die Region, nehmen die Kunden mehr in den Blick und versuchen, neue Geschäftsfelder wie die Energieeffizienz innovativ zu entwickeln.

          Und Sie wollen die Personalkosten um 40 Millionen Euro verringern. Wie viele Stellen werden wegfallen?

          Wir haben bewusst eine solche Zahl nicht genannt. Wir wollen die Vorwärtsstrategie schaffen, ohne signifikant Stellen abzubauen. Dafür müssen wir zum einen wachsen, es müssen sich aber auch alle – Vorstand, Führungskräfte und die Mitarbeiter – aus der Komfortzone herausbewegen und auf manch Liebgewonnenes aus der alten Zeit verzichten.

          Bis Ende 2015 sind betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Und danach?

          Wir beginnen in diesem Monat Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern über ein Personalkonzept und ein Sparpaket. Mitte des Jahres wissen wir mehr und werden dann auch die Belegschaft informieren.

          Hat das alte Management Fehler gemacht?

          Die Verwerfungen, die die Energiewende mit sich bringt, hat niemand vorausgesehen. So werden moderne Erdgaskraftwerke nicht mehr benötigt. Wir selbst haben im August hier in Darmstadt ein eigenes Gaskraftwerk fertiggestellt, das seitdem gerade einmal zehn Stunden Strom produziert hat. Vielleicht lässt sich sagen, dass man auf all diese neuen Herausforderungen etwas früher hätte reagieren können.

          Die HSE hat 800 Millionen Euro in neue Erzeugungsanlagen investiert – birgt das nicht noch mehr Risiken?

          Das meiste davon ist in erneuerbare Energien geflossen, vor allem in Windparks, etwa in der Nordsee, natürlich in Hessen, aber auch in Brandenburg, in Frankreich und Polen. Das sind sehr gute, sehr werthaltige Investments, mit denen wir Geld verdienen. Aber die 400 Millionen Euro, die wir in den Offshore-Windpark Global Tech I investiert haben, sind natürlich für ein Unternehmen wie die HSE schon ein großer Brocken. Unser Investitionsprogramm hat insgesamt ein Volumen von einer Milliarde, darüber hinaus prüfen wir jetzt Investitionen in erneuerbare Energien in der Region.

          Das scheint überhaupt der Kurs der HSE: Vorbei ist es mit den Ausflügen in die Ferne, etwa mit Werbung um Stromkunden in Berlin, Hamburg und Stuttgart, die Zukunft liegt in der Region.

          Über das Internet werden wir auch weiterhin bundesweit aktiv sein. Aber in der Tat: Die großen Marketingkampagnen in anderen Ballungsräumen gehören der Vergangenheit an. Unsere Konzentration gilt dem Heimatmarkt, der Rhein-Main-Neckar-Region.

          Warum eigentlich?

          Weil sich die nationale Kundenakquise nicht rechnet.

          Die Frage, ob die HSE bundesweit spielen soll oder nur in ihrem angestammten Geschäftsgebiet, war in Darmstadt stets umstritten. War die Zurücknahme der hochfliegenden Pläne eines nationalen Stromanbieters Gegenstand der Einstellungsgespräche, bevor Sie nach Darmstadt gewechselt sind?

          Es war keine Vorbedingung. Aber natürlich habe ich darüber mit der Findungskommission geredet. Aber die Energiewende bedeutet ja auch generell ein Zurück zur Region.

          Sie haben auch ein Ende der Mehr-Marken-Strategie der HSE angekündigt.

          Aus Sicht des Kunden ist es gegenwärtig so: Die Rechnung bekommt der Kunde von einem Unternehmen namens Entega, unserer Vertriebstochter. In der Zeitung liest er aber von der HSE. Der Zähler wird wieder von einem anderen Unternehmen des Konzerns abgelesen, und um die Leitungen kümmert sich noch ein viertes. Die Wahrnehmung ist dadurch erschwert. Wir müssen darüber nachdenken, ob wir das nicht vereinheitlichen.

          Es bleibt aber dabei, dass Sie Grundversorger beim Strom nicht nur in Darmstadt, sondern auch in Mainz sind, wie- wohl diese Stadt an Ihrer Vertriebstochter Entega nicht mehr beteiligt ist?

          Wir sind sehr froh, dass wir dort Grundversorger sind und so viele Kunden haben. Wir haben mit den Stadtwerken Mainz eine gemeinsame Tochterfirma im Bereich IT und Abrechnung. Die Beteiligung an der Entega haben die Mainzer vor einigen Jahren beendet. Ich würde mich freuen, wenn wir auch diese Kooperation wieder vertiefen könnten.

          Das Jahresergebnis der HSE lag 2012 bei gerade noch zwei Millionen Euro nach 34 Millionen 2011. Wie wird es denn 2013 ausfallen?

          Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Aber sicherlich ähnlich wie 2012. Wir haben durch die Investitionen der vergangenen Jahre hohe Zins- und Tilgungszahlungen zu leisten, weil die Anlagen weitgehend mit Krediten finanziert wurden. Außerdem kann weiterer Abschreibungsbedarf bei Gaskraftwerken anfallen.

          Der Gewinn der HSE ist 2012 drastisch eingebrochen. Wann wird denn das Unternehmen wieder solche Gewinne erwirtschaften, dass die Muttergesellschaft, die Heag, wieder eine Dividende an die Stadt zahlen kann?

          Das wird für 2014 schwierig. Unsere Vorwärtsstrategie, für die wir die volle Rückendeckung der Stadt haben, macht mich aber zuversichtlich, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

          Die Fragen stellte Manfred Köhler.

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