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Im Gespräch: Horst Vatter : „Die sollten ihre Kunden zu einer Party einladen“

  • Aktualisiert am

Glaubt auch heute noch an Anzeigenblätter: Horst Vatter (71). Bild: Schmitt, Felix

Der 1972 gegründete „Blitz-Tip“ glich früher der Lizenz zum Gelddrucken. Heute steckt das Blatt in Schwierigkeiten. Horst Vatter glaubt, ein Rezept für die Gesundung zu kennen.

          3 Min.

          Mit welchen Gefühlen haben Sie als Gründer des „Blitz-Tip“ zur Kenntnis genommen, dass alle 51 Mitarbeiter dieses Anzeigenblattes entlassen werden?

          Ich bin sehr traurig darüber. Viele Mitarbeiter sind seit langem für das Blatt tätig. Als ich in der vergangenen Woche von der Demonstration der Belegschaft gehört habe, habe ich mich deshalb spontan angeschlossen.

          Immerhin sollen die Mitarbeiter ja mit einem Sozialplan abgefunden werden.

          Da kann aber nicht viel für den Einzelnen herauskommen, weil zu wenig Geld vorhanden ist. Nach meiner Kenntnis stehen noch 1,9 Millionen Euro zur Verfügung. Davon müssen zunächst die offenen Rechnungen bezahlt werden, da bleiben dann vielleicht noch 25 Prozent für den Sozialplan.

          Haben Sie ein gewisses Verständnis dafür, dass die drei Gesellschafter nach hohen Verlusten die Notbremse ziehen?

          Doch, das habe ich, sie haben dort eine Menge Geld verloren. Wobei ich aber nicht verschweigen kann, dass die Fehler hausgemacht sind.

          Nämlich?

          Sie haben dem negativen Trend, der sich über drei, vier Jahre hingezogen hat, nichts entgegengesetzt.

          Was genau haben die jetzigen Inhaber Ihrer Ansicht nach falsch gemacht?

          Sie haben ein Preisgefüge akzeptiert, das nicht realistisch ist. Und haben es obendrein hingenommen, dass diese Preise durch geschickte Verhandlungen der Kunden noch weiter gedrückt wurden. Das gilt für die Kaufhauskonzerne wie für die großen Einzelhandelskunden. Dann kam mit der Ippen-Gruppe aus Offenbach ein weiterer Mitbewerber und hat die Preisspirale abermals nach unten geschraubt.

          Nennen Sie bitte mal ein Beispiel.

          Ein Kunde, der zu meinen Zeiten für die Anzeige umgerechnet 8500 Euro gezahlt hat, bekam sie jetzt für 1500. Die Angst vor der Konkurrenz hat geradezu zu unsinnigen Preisen geführt. Die waren stolz auf 32 Seiten, aber haben vergessen, dass sie acht davon zu einem Spottpreis hergeschenkt, aber die Druckkosten damit nach oben geschraubt haben. Und Großkunden haben für das Beilegen von Prospekten zu meinen Zeiten pro 1000 Stück 120 Mark oder 60 Euro gezahlt, heute sind sie bei 15 bis 25 Euro.

          Meinen Sie, dass man auch heute noch mit Anzeigenblättern Geld verdienen könnte?

          Aber klar.

          Was wäre erforderlich?

          Zunächst müsste die Verbreitung in Frankfurt, Main-Taunus, Hochtaunus sowie Kreis und Stadt Offenbach sichergestellt sein. Der Kreis Groß-Gerau ist totes Gebiet, Mainz und Wiesbaden sind ein eigener Markt, der Main-Kinzig-Kreis ist abgedeckt. Und wenn die Vertriebsgemeinschaft, die jetzt zwischen „Blitz-Tip“ und „Mix am Mittwoch“ aus dem Haus der Societät eingeleitet wurde, erfolgreich arbeitet, dann wird man die Preise auch wieder leicht anheben können.

          Was würden Sie den existierenden Anzeigenblättern empfehlen?

          Sie sollten sich zusammentun, alle Kunden zu einer Party einladen und ihnen ganz offen sagen: „Wir können das jetzige Preisgefüge nicht halten, sonst müssen wir alle schließen.“ Die Kunden müssten das verstehen, denn sie müssen in Düsseldorf oder München ja auch viel höhere Preise als in Rhein-Main zahlen. In Wirklichkeit ist Rhein-Main der billigste Markt mit dem höchsten Vertriebsaufwand.

          Sie selbst haben den „Blitz-Tip“ zu je 50 Prozent 2011 und 2002 verkauft. Wären Sie jünger, würden Sie noch einmal ein Anzeigenblatt gründen?

          Ja, Anfragen habe ich bereits.

          Und?

          Schau’n wir mal.

          Ehe Sie 1972 den „Blitz-Tip“ gründeten und damit sehr viel Geld verdienten, waren Sie Anzeigenleiter der „Frankfurter Neuen Presse“.

          Ja, und ich war dort so erfolgreich, dass ich mehr Provisionen bekam, als sich die Chefs hatten ausmalen können. Ich bekam dann neue Verträge mit geminderten Provisionen, aber die mussten dann in den folgenden Jahren abermals heruntergesetzt werden, weil ich bis zu 80 Prozent Umsatzsteigerungen brachte.

          Das Startkapital für den „Blitz-Tip“ haben Sie aber anders erwirtschaftet?

          Ja, ich bekam eines Tages die Anfrage, ob ich nicht an den Wochenenden Ferienhäuser auf Lanzarote verkaufen wollte. Gleich meine ersten drei Interessenten, mit denen ich von Frankfurt aus im Learjet auf die Insel flog, haben zugegriffen, das brachte mir allein schon 9000 Mark Provision. Mit Genehmigung der „Neuen Presse“ und des Societäts-Verlags durfte ich samstags und sonntags also Bungalows auf Lanzarote verkaufen. Und die 450.000 Mark, die dabei zustande kamen, waren das Startkapital für den „Blitz-Tip“ - wobei ich das Konzept zunächst der Societät angetragen hatte, die es aber nicht verwirklichen wollte, Anzeigenblätter galten damals als unfein.

          Das Blatt war gleich ein Erfolg?

          Nein, wir brauchten eine Durststrecke von drei Jahren. Aber dann ging’s los, dann machten wir Steigerungsraten von 50 bis 70 Prozent, wir sind im Geld geschwommen. Verkauft habe ich erst, als durch die Konkurrenzblätter „Sunny“ und „Sunday“ aus Ihrem Hause die Preise in den Keller gingen. Die Kunden haben uns natürlich vorgehalten, warum wir nicht auch billiger wurden. Ende der neunziger Jahre machten wir dann Verluste. Aber auf Verluste hatte ich keine Lust.

          Die Fragen stellte Peter Lückemeier.

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