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Im Gespräch: FSV-Kapitän Schlicke : „Ich habe meine Schuldigkeit getan“

  • Aktualisiert am

Zu wenig los: Björn Schlicke würde gerne vor mehr Fans in Frankfurt seine Fußballkünste zeigen. Bild: Wonge Bergmann

FSV-Kapitän Schlicke über das Bornheimer Zuschauerproblem und die sportlichen Erwartungen

          3 Min.

          Mit Ihrer Familie leben Sie in der Nähe von Aschaffenburg. Sind Sie dorthin gezogen, um dem Trubel in Frankfurt um den FSV aus dem Weg zu gehen?

          Hier gibt es ja keinen Trubel. Da bin ich ganz andere Sachen gewöhnt. Ein Grund war vielmehr, dass die Schulferien in Bayern im Hinblick auf den Urlaub günstiger für Fußballprofis liegen. Und meine Kinder sollen nicht das Schulsystem wechseln müssen, wenn wir irgendwann in meine Heimat Erlangen zurückkehren.

          Hatten Sie nach Rang vier in der abgelaufenen Zweitliga-Saison mit einem Ansturm der Fans zum Trainingsauftakt gerechnet?

          Ehrlich gesagt, nein. Ich habe es schon vorhergesehen, dass die Dinge ihren normalen Lauf nehmen werden.

          Enttäuscht Sie das?

          Hoffentlich wird sich die Begeisterung auf den Besuch der Heimspiele übertragen.

          Spüren Sie denn Begeisterung im Umfeld?

          Die Fans, die bei unseren Testspielen waren, freuen sich immer, wenn sie uns sehen - auch wenn wir Vierzehnter geworden wären.

          Wäre es nicht besser, Sie würden als Kopf der Mannschaft in Frankfurt leben, um auf den FSV aufmerksam machen zu können?

          Da müsste ich ja Woche für Woche umziehen, um in Frankfurt alle Stadtteile abzuarbeiten. Da, wo ich wohne, betreibe ich so viel Werbung. Zwei Jahre bin ich mit einem FSV-Auto herumgefahren, auf dem riesengroß der Vereinsname stand. Mehr Werbung kann ich in meinem Lebensumfeld, wo die Eintracht und der OFC gut vertreten sind, nicht machen. Ich habe meine Schuldigkeit getan.

          Hat Sie Ihr sieben Jahre alter, fußballbegeisterter Sohn schon einmal gefragt, warum beim FSV viel weniger los ist?

          Er hat erst gefragt, ob das hier das richtige Stadion sei oder ob wir hier nur trainieren.

          Sie sind 32 und waren in der Bundesliga Profi beim HSV und in Köln. Fühlen Sie sich beim FSV wie ein Fußballpionier?

          Mir fällt das eigentlich gar nicht mehr auf. Bis zu dem Zeitpunkt, wenn neue Spieler kommen und sagen: Hier ist es ja ganz anders. Erst dann denke ich wieder an meine früheren Stationen.

          Mit welchen Erinnerungen?

          Egal, gegen welche Klubs wir aus den untersten Spielklassen in den Testspielen gespielt haben, es war immer Volksfeststimmung und gab einen besonderen Anlass. Wir hingegen spielen manchmal noch ein bisschen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ohne dem Veranstalter etwas Böses zu wollen. Die Eintracht und der OFC ziehen mehr. Da müssen auch wir hinkommen.

          Was sagen Sie als Kapitän den neuen FSV-Profis?

          Es gibt bei uns ja auch Vorteile. Wenn es sportlich mal nicht so gut läuft, hat man als Spieler auch ein bisschen weniger Stress. In Köln indes merkt man es richtig, wenn der Erfolg ausbleibt. Jedes Mal 8000 Zuschauer bei unseren Heimspielen wären für FSV-Verhältnisse top. Dann wäre die Atmosphäre auch gut.

          Kann man sich beim FSV wie bei keinem anderen Klub in der ersten und zweiten Liga auf den Fußball konzentrieren?

          Ach, da gibt es bestimmt auch andere Vereine. Aber als junger Spieler kann man sich bei uns sicher gut entwickeln, für sie ist der FSV eine gute Station. Wir sind gut damit gefahren, talentierte Spieler aus der Regionalliga zu holen und sie hier aufzubauen - um sie dann allerdings auch zu guten Vereinen abgeben zu müssen.

          Was macht den FSV für Talente reizvoll?

          Hat sich bei uns ein Spieler durchgesetzt, weiß er, dass der FSV nicht unbedingt so viel Geld hat, auf seiner Position gleich wieder zwei neue Spieler auszuprobieren oder einen Kracher zu holen. Spielt jemand eine gute Rolle, wird auf ihn gebaut.

          Ist der FSV ein Großstadtklub?

          Im Vergleich mit der Eintracht ist er eher kein Großstadtklub. Für mich ist ein Großstadtklub, wenn die ganze Stadt hinter einem Verein steht. An die große Macht Eintracht werden wir nicht so schnell herankommen.

          Wie sähe eine Werbekampagne von Björn Schlicke für mehr Zuschauer beim FSV aus?

          Man müsste eine kleine St.-Pauli-Aktion machen. Etwas Verrücktes, was sich von der Masse absetzt. Man muss in die Nische kommen, zu den Außenseitern zu gehören.

          Sie sind der älteste FSV-Profi. Können Sie mit Ihrer Erfahrung den kommenden Saisonverlauf einigermaßen vorhersagen?

          Nein, denn das konnte ich in der Vorsaison auch nicht. Die zweite Liga ist eine Wundertüte. Ich hätte zum Beispiel Braunschweig nie als Aufsteiger getippt. Und bei uns habe ich während der Vorbereitung gedacht, mein Gott, das wird bestimmt ein hartes Jahr. Und was ist daraus geworden? Daher habe ich gar keine Ahnung.

          Wo ordnen Sie den FSV im neuen Spieljahr ein?

          Wenn alles normal läuft, im gesicherten Mittelfeld.

          Trotzdem: Wie viele Vereine werden den FSV nach Platz vier zu den Aufstiegsanwärtern zählen?

          Keiner.

          Ganz sicher?

          Ganz sicher, weil wir zum Beispiel wichtige Spieler wie Marcel Gaus, Yannick Stark und John Verhoek abgeben mussten.

          Gehen Sie aufgrund des erfolgreichen Abschneidens mit einem positiven Gefühl in die neue Saison?

          Wir haben ein Gefühl dafür, wie wir spielen wollen. Diejenigen, die noch da sind. Jetzt müssen wir wieder dahin kommen, dass bei der neuen Mannschaft ein Rad ins andere greift.

          Verspüren Sie eine Aufbruchstimmung?

          Aufbruchstimmung gibt es zu Beginn jeder Saison, das ist immer spannend, wie sich das neue Team entwickelt. Aufbruchstimmung in Hinsicht auf den Aufstieg wäre für mich, wenn wir die komplette Mannschaft gehalten und noch fünf Spieler aus der Bundesliga dazugeholt hätten. Dann hätte ich gesagt, dieses Jahr müssen wir angreifen. Wenn nicht dieses Jahr, wann sonst?

          Wäre es für Sie eine Überraschung, wenn der FSV ähnlich erfolgreich wäre?

          Es wäre nicht so überraschend aufgrund der Vorsaison. Da sind wir ein bisschen unerkannt durch die Liga gestapft. Bis jeder gemerkt hat, was will denn der FSV da oben, war es meistens schon zu spät - und wir hatten wieder gewonnen.

          Das Gespräch führte Jörg Daniels.

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