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Im Gespräch: Frank Martin : „Für solche Frauen und Männer ist es natürlich sehr viel schwerer“

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Sollte sich für Neckermann nicht doch noch ein Chance ergeben, werden viele wenig qualifizierte Menschen ihre Arbeit verlieren. Für sie sähe es nicht gut aus, sagt Frank Martin, Chef der Bundesagentur für Arbeit in Hessen.

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          Nach Schlecker werden nun wohl auch bei Neckermann und Karstadt Menschen ihre Arbeit verlieren. Welche Chancen haben sie auf dem Arbeitsmarkt in Hessen und in Rhein-Main?

          Wir müssen erst einmal abwarten, ob die Insolvenzverwalter das Geschäft fortführen wollen, ob es überhaupt etwas fortzuführen gibt.

          Und wenn nicht?

          Sollte es, was keiner hofft, doch noch zu Entlassungen oder einer Transfergesellschaft kommen, werden wir uns erst einmal die Qualifikationen der Menschen anschauen. Wenn beispielsweise Leute der IT-Sparte dabei sind, dann werden die wahrscheinlich sehr gute Chancen haben. Bei Frauen und Männern aus dem Versand muss man schon eher schauen, ob sie einen Abschluss haben und ob sie die deutsche Sprache gut beherrschen.

          Und wie alt sie sind?

          Das Alter ist im Moment kein ganz so entscheidendes Kriterium. Wichtiger ist die Frage des Berufsabschlusses, den der oder die Betroffene hat oder auch nicht hat. Das ist der ganz wesentliche Punkt.

          Das ist ja gerade in der Logistik nicht immer der Fall.

          Richtig. Sollten solche Frauen und Männer arbeitslos werden, ist es natürlich sehr viel schwerer, für sie einen neuen Arbeitsplatz zu finden - im Vergleich zu hochqualifizierten Arbeitskräften.

          Alles in allem könnten gut 2000 Mitarbeiter von Neckermann betroffen sein. Eine solche Vielzahl an Stellen dürfte ja zumindest in der Region in der Logistiksparte nicht unbesetzt sein.

          Karstadt und Neckermann haben den Vorteil, dass sie nicht auf dem flachen Lande, sondern in der Stadt liegen. Daher ist dort die Chance, eine andere Stelle zu finden, weitaus größer. Auf dem Land trifft man auf eine ganz andere Arbeitsmarktsituation. Außerdem muss man auch bedenken, dass wir schon eine Entlassungswelle bei Schlecker im Frühjahr gesehen haben, eine weitere jetzt im Sommer, und dann kommen womöglich auch noch Karstadt-Mitarbeiter hinzu. Das ist schon sehr viel für den Handel. Auch dort ist der Bedarf an Mitarbeitern nicht unendlich.

          In letzter Zeit ist immer öfter von Stellenabbau zu berichten. Ist das erst der Anfang vom Ende der guten Zeiten auf dem Arbeitsmarkt?

          Wir haben in unserem monatlichen Bericht zum Arbeitsmarkt in den vergangenen Monaten auch immer wieder von einer sich mit der Konjunktur abschwächenden Dynamik berichtet, was man an den Arbeitslosenzahlen und an der Zahl gemeldeter offener Stellen sehen kann. Das ist schon zu beobachten, ungeachtet der nach wie vor sehr guten Zahlen.

          Bei Neckermann und Schlecker hatte das nicht unbedingt etwas mit der Konjunktur zu tun.

          Ja. Man muss fragen, ob es sich um eine systemische Schwäche des Unternehmens handelt oder um einen konjunkturellen Effekt. Nun bin ich kein Handelsexperte, aber ich glaube, dass in den beiden genannten Fällen die Entwicklung nicht der Konjunktur zuzuschreiben ist, sondern eher in den Problemen im einzelnen Unternehmen begründet ist.

          Wie wird sich Ihrer Meinung nach der hessische Arbeitsmarkt im Laufe des Jahres entwickeln?

          Das kann man seriöserweise noch nicht sagen. Entscheidend ist, wie sich die Zahlen nach den Sommerferien entwickeln. Wenn die Septemberzahlen vorliegen, wage ich schon eine Prognose. Das erste Halbjahr genügt aber nicht, um schon genaue Vorhersagen zu treffen.

          Aber die Dynamik wird schwächer.

          Ja, die Dynamik schwächt sich weiter ab. Und zwar Monat für Monat.

          Die Fragen stellte Jochen Remmert.

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