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Im Gespräch: Frank-Jürgen Weise : „Die Hertie-Stiftung bleibt in dieser Stadt“

  • Aktualisiert am

Vorarbeiter: Frank-Jürgen Weise will regelmäßig in Frankfurt präsent sein. (Archivbild) Bild: dpa

Der neue Hertie-Chef kennt als Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit die wichtigen Leute. Der Stiftung, die eine der reichsten in Deutschland ist, könnte das nützlich sein.

          3 Min.

          Sie sind neuer Vorstandsvorsitzender der gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Haben Sie als Chef der Bundesagentur für Arbeit etwa Langeweile?

          Nein. Meine Hauptaufgabe bleibt die Leitung der Bundesagentur. Aber das Angebot von Hertie kam jetzt. Hätte ich es abgelehnt, hätte ich nie mehr die Chance bekommen. Denn die Stiftung setzt auf eine längerfristige personelle Lösung.

          Ist das ein Wunsch-Amt für Sie?

          Eindeutig. Die Hertie-Stiftung ist etwas Besonderes. Sie passt auch sehr gut zur Bundesagentur.

          Inwiefern?

          Die Hauptthemen von Hertie sind Vorschule, Schule und Hochschule, Beruf und Familie sowie Neurowissenschaften. Die Stiftung und die Bundesagentur sind zumindest bei den ersten drei Themen fast geschwisterlich.

          Haben Sie Ihr neues Ehrenamt aus einem bürgerlichen Pflichtgefühl heraus übernommen?

          Das klingt mir ein bisschen zu hoch. Ich finde die Stiftung großartig, die Menschen, die dort arbeiten, sind tolle, hochgebildete Leute, die auf ihrem Feld etwas leisten. Aber auch ich mit meinen Erfahrungen kann der Stiftung durchaus von Nutzen sein. Denn ich bin es gewohnt, brillante Leute zur Teamarbeit zu bringen.

          Hertie ist eine der großen und vermögenden Stiftungen im Lande. Wohin soll die Reise mit Ihnen gehen?

          Die Stiftung hat Gott sei Dank eine so gute Substanz mit renommierten Projekten, dass es für mich das Beste und Wichtigste ist, diese gute Entwicklung weiterzuführen.

          Heißt das, dass das Start-Programm, die Förderung von „Jugend debattiert“, der Hirnforschung oder der Hertie School of Governance in Berlin fortgesetzt werden?

          Diese Projekte sind in ihrem Kern richtig gut. Davon werden wir uns nicht zurückziehen. Aber, und dies ist der Auftrag des Kuratoriums an mich, wir müssen einzelne Projekte überprüfen und uns fragen, ob sie weiter in unsere Strategie passen. Die zweite Frage lautet, ob wir Projekte selbständig weiterlaufen lassen. Das ist zum Beispiel bei „Beruf und Familie“ angedacht, das vielleicht durch ein Projekt „Arbeit und Alter“ ersetzt werden könnte. Wenn ich mir ein Bild gemacht und mit allen gesprochen habe, werde ich diese Aufgabe anpacken. Es wird keine dramatischen Veränderungen geben, aber vielleicht ein paar neue, spannende Initiativen.

          Soll „Beruf und Alter“ ein neues Arbeitsfeld werden?

          Ja. Dazu gibt es schon eine Ausschreibung für einen Ideenwettbewerb. Hier geht es darum, die Übergangsphase von Arbeitswelt, Ehrenamt und Familienleben dynamischer zu gestalten. Man muss wissen, dass die Lebenserwartung von Neugeborenen gegen 100 Jahre geht. Die Frage wird sein, ob man die einmal mit 63 Jahren in die Rente schicken kann. Oder ob es Formen von Arbeit und Beschäftigung geben muss, die wesentlich länger dauern als das bisherige klassische Arbeitsleben.

          Notwendig ist wohl ein lebenslanges Lernen. Wäre das nicht ein ideales Thema für eine Bildungsstiftung, die Hertie ja auch ist?

          Auf jeden Fall. Allerdings haben wir dazu noch keine Entscheidungen gefällt. Über was ich oben gesprochen habe, das sind bisher nur Überlegungen und Denkrichtungen. Mein Beitrag wird sein, dass ich und die Stiftungsleitung jetzt die Projekte prüfen und entscheiden, welche wir beibehalten, welche wir abgeben und welche wir neu beginnen.

          Wegen der niedrigen Zinsen fällt es Stiftungen nicht mehr so leicht, die nötigen Erträge für ihre Aktivitäten zu erwirtschaften. Muss Hertie den Gürtel enger schnallen?

          Die Satzung lässt zum Glück zu, dass wir unser Geld am Kapitalmarkt auf verschiedene Weise anlegen. Zum Beispiel auch in Aktien, die zur Zeit sehr gut laufen. Insgesamt sind wir aber in unserem Anlageverhalten konservativ, wir haben zum Beispiel ein hohes Immobilienvermögen, das allerdings nicht eine so hohe Rendite abwirft.

          Leidet Hertie unter den niedrigen Zinsen?

          Sie treffen uns. Aber da wir immer sehr konservativ bilanziert und immer zwei Prozent Inflationsausgleich angesetzt haben, können wir jährlich um die 25 Millionen Euro für unsere Projekte verwenden. Darüber hinaus können wir auch unser Vermögen real erhalten. Aus heutiger Sicht sind keine Einschränkungen absehbar. Aber womöglich wird die Rendite nicht mehr so hoch sein, um dicke Polster anzulegen.

          Halten Sie die Stiftung ökonomisch für dauerhaft gesichert?

          Ja. Durch unsere Vermögensallokation wird unser Anlagevermögen - es steht ja kurz vor einer Milliarde Euro - erhalten bleiben.

          Das Arbeitsfeld der Stiftung erstreckt sich über ganz Deutschland. Der Sitz von Hertie ist Frankfurt. Wird das so bleiben?

          Ja. Wir bleiben in Frankfurt und bekennen uns zu dieser Stadt. Sie ist ja ein Symbol für eine internationale, offene Gesellschaft. Die Projekte finden aber auch an anderen Stellen statt.

          Wird Hertie Frankfurt und Rhein-Main weiterhin als Testfeld für Projekte nutzen?

          Bei den Projekten hat sich die Landschaft schon verändert. Manche Themen laufen zum Beispiel nur in Berlin, weil dort die Verbände und die Politik sitzen. In Frankfurt hat Hertie ja zum Beispiel den Bau des Literaturhauses oder die Städel-Erweiterung gefördert. Es gibt gute Verbindungen zu Senckenberg, zum Jüdischen Museum und anderen Institutionen. Das bleibt weiter so. Die Hertie-Projekte dagegen können sich dagegen auch auf andere Städte verteilen.

          Wird man Sie als Hertie-Chef künftig regelmäßig in Frankfurt sehen?

          Ich werde regelmäßig in der Stiftung präsent sein. Manchmal real, manchmal virtuell per Videokonferenz. Viele Hertie-Veranstaltungen finden aber in anderen Städten statt: in Hamburg, in Berlin, in Tübingen. Mein Vorteil ist, dass ich mit der Bundesagentur sehr viele Standorte in Deutschland habe.

          Und Sie kennen als Chef der Bundesagentur Gott und die Welt.

          Diesen Umstand kann ich für Hertie nutzen, natürlich immer in voller Transparenz. Letztens habe ich in der Hertie School in Berlin Finanzminister Schäuble empfangen. Das sind Verbindungen, die passen ideal.

          Die Fragen stellte Hans Riebsamen.

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