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Im Gespräch: Christean Wagner : „Das wird mich bis an mein Ende bedrücken“

  • Aktualisiert am

Engagiert: Christean Wagner beim Gespräch im Café Siesmayer Bild: Helmut Fricke

Der Fraktionsvorsitzende der CDU im Landtag wäre gern Ministerpräsident geworden. Er ist stattdessen ein konservativer Mahner geblieben. In dieser Woche ging seine Karriere zu Ende.

          Wie oft wird Ihr Vorname noch falsch geschrieben?

          Ich muss Ihrem Berufsstand ein Kompliment machen: eigentlich überhaupt nicht mehr.

          Woher kommt das „e“ überhaupt?

          Mein Vater hatte auf dem Gymnasium in Königsberg einen Klassenkameraden aus der Familie Goerdeler, den Sohn des später ermordeten Widerstandskämpfers Carl Goerdeler. Mein Vater war überzeugt, dass sein Mitschüler Christean hieß, und der Vorname hat ihm so gut gefallen, dass ich ihn auch bekam. Viel später stellte sich das als Missverständnis heraus. Christian Goerdeler hatte immer gesagt „Christian Goerdeler, mit e“, hiermit aber nicht seinen Vornamen, sondern seinen Nachnamen gemeint.

          Kann man sich nach dreißig Jahren Landespolitik so einfach nach Marburg zurückziehen, Skat spielen und gelegentlich zum Bergsteigen gehen?

          Ich bin ganz sicher, nicht in ein tiefes Loch zu fallen. Um mich braucht sich niemand Sorgen zu machen. Ich werde mich jedenfalls nicht nur um meinen Rauhaardackelwelpen Nobel kümmern und auch nicht nur Skat spielen.

          Was haben Sie vor?

          Ich werde als Partner in ein renommiertes Beratungsunternehmen eintreten. Der frühere Regierungssprecher unter Helmut Kohl, Friedhelm Ost, hat gemeinsam mit dem früheren NRW-Wirtschaftsminister Ernst Schwanhold vor zehn Jahren dieses Unternehmen gegründet. Es beschäftigt sich im Umfeld von Politik, Wirtschaft und Medien unter anderem mit Kommunikation und Begleitung von Investitionsentscheidungen, strategischer Öffentlichkeitsarbeit, mit Konfliktberatung und Mediation. Meine vielfältigen jahrzehntelangen Erfahrungen kann ich gut in Wirtschaftsunternehmen einbringen. Außerdem werde ich ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge mitmachen.

          Entspannt: Rauhaardackelwelpe Nobel wird Wagners Ruhestandsbegleiter.

          Für Menschen, die in einer Notlage anrufen?

          Richtig. Das will ich einmal in der Woche machen.

          Sie sind durch Walter Wallmann in die Politik gekommen. Was bedeutet er Ihnen?

          Ganz viel. Er war für mich eine Art Ziehvater. Ich bin mit 25 Jahren in die CDU eingetreten, als er Kreisvorsitzender in Marburg war. Ich besuchte eine Mitgliederversammlung, Wallmann hielt eine beeindruckende Rede. Doch dann sagte er: „Es wird künftig eine große Volkspartei links der Mitte geben, das ist die SPD. Und es wird eine große Volkspartei rechts der Mitte geben, das ist die CDU.“ Da meldete ich mich zu Wort: „Herr Dr. Wallmann, meinen Sie nicht, es wäre besser, wenn die CDU die große Volkspartei in der Mitte wäre?“ Wallmann lud mich anschließend zum Bier ein. Vierzehn Tage später war ich sein ehrenamtlicher Pressesprecher. Er hat mir sehr viel bedeutet, ich könnte mühelos eine Stunde über ihn berichten und erzählen.

          Sie waren in seinem Kabinett Kultusminister, und Sie wurden sein Staatssekretär in Bonn, als Wallmann nach Tschernobyl überraschend zum ersten Bundesumweltminister berufen wurde.

          Er lud mich sonntags in sein Haus im Frankfurter Nansenring ein. Die ganze Familie Wallmann erwartete mich. Da er mal gehört hatte, Erdbeeren mit Sahne seien mein Lieblingsgericht, stand dort eine große Schale. Er trug mir das Amt des beamteten Staatssekretärs an, und ich sagte noch an diesem Nachmittag zu.

          Die folgende Frage haben wir neulich auch dem früheren Frankfurter Kämmerer Ernst Gerhardt gestellt: Warum war Wallmann ein hervorragender Oberbürgermeister, aber kein glänzender Ministerpräsident?

          Er war mit Leib und Seele zunächst Bundespolitiker – ich hätte ihm ohne Bedenken das Amt des Kanzlers zugetraut – und wurde dann ein äußert engagierter Frankfurter Oberbürgermeister. Seine Passion für die Landespolitik war begrenzt.

          Kohl bot ihm nach der verlorenen Landtagswahl demütigend den Posten des Botschafters in Kanada an.

          Und das, obwohl Walter Wallmann Helmut Kohl auf dem Bremer Parteitag im September 1989 eisern gestützt hatte.

          Wer hat Sie in dreißig Jahren Landespolitik am meisten beeindruckt?

          Walter Wallmann und Alfred Dregger.

          Was hätte Alfred Dregger zu einer Koalition seiner CDU mit den Grünen gesagt?

          Auch er würde in der konkreten hessischen Situation diese Koalition angestrebt haben.

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