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Im Gespräch: Betriebsratschefin Busch : „Die Börse kann mit Kooperationen wachsen“

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Zufrieden nach langem Zittern: Betriebsratschefin Irmtraud Busch und ihr Stellvertreter Johannes Witt Bild: Röth, Frank

Erleichtert hat der Betriebsrat der Deutschen Börse das Nein der EU zu einer Fusion mit der Nyse Euronext aufgenommen. Die Vorsitzende des Gremiums ist gespannt, welche strategischen Ideen der Vorstand nun hat.

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          Die EU-Kommission hat der geplanten Fusion der Deutschen Börse und der New York Stock Exchange Euronext, wie zuletzt erwartet, einen Riegel vorgeschoben. Was überwiegt nun bei Ihnen: Erleichterung, Genugtuung oder Schadenfreude?

          Es überwiegt Erleichterung, dass dieses Megaprojekt nicht kommt. Denn wir vom Betriebsrat haben von Anfang an viele Risiken und Gefahren darin gesehen, wie wir vielfach dargelegt haben.

          Gefahren vor allem für Arbeitsplätze am Standort Frankfurt-Eschborn.

          Ganz klar, denn die meisten Unternehmensbereiche der Deutschen Börse einerseits und der Nyse Euronext andererseits überschneiden sich; lediglich Clearstream, die Wertpapierabwicklung, -verwahrung und -verwaltung, hat kein Pendant auf der anderen Seite. Weiterhin haben wir auf die erhöhte Komplexität und das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen hingewiesen. Aber auch im bisher vorgesehenen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag und der geplanten Besetzung vieler Positionen im neuen Konzern, der nun nicht zustande kommt, haben wir Gefahren gesehen für Frankfurt und Eschborn.

          Meinen Sie damit, dass das operative Geschäft von New York aus gesteuert worden wäre und nicht von Frankfurt aus, wo der größere der Partner sitzt?

          Zumindest waren die Management-Positionen so vergeben, dass der CEO, also der Konzernchef, in New York gesessen hätte, ebenso der Chief Operating Officer als Verantwortlicher für das Tagesgeschäft und der General Counsel, der Chefjustitiar. Die Informationstechnologie wäre von Paris aus geleitet worden, der Kassamarkt von New York aus, der Handel mit Derivaten wie etwa Terminkontrakten und Indexzertifikaten von Frankfurt aus. In Frankfurt wäre an ressortübergreifenden Funktionen nur die Position des Finanzvorstands verblieben.

          Das alles ist jetzt Geschichte. Und viele Anleger haben offenbar auf ein Platzen der Fusion gesetzt: Seitdem sich abzeichnete, dass EU-Wettbewerbskommissar Almunia die Fusion nicht durchwinken werde, stieg die Aktie der Deutschen Börse sogar stärker als der Dax. Wie bewerten Sie das?

          Lassen Sie es mich so formulieren. Wir haben als Betriebsrat von Anfang an gesagt, dass die Deutsche Börse als der wirtschaftlich stärkere Partner nicht auf eine Fusion mit der Nyse Euronext oder einem anderen Börsenbetreiber angewiesen ist. Sie ist als solcher selbst stark genug, zum Beispiel mit Kooperationen weiter zu wachsen. Ich nenne als Beispiele die Zusammenarbeit mit den Börsen in Wien und in Helsinki. Wir sind nun selber gespannt, ob es einen Plan B gibt und welche anderen strategischen Überlegungen der Vorstand anstellt.

          Nach dem Scheitern der Fusion erwartet Vorstandschef Francioni einen Wettlauf aller Börsenplätze. Die Deutsche Börse arbeitet schon mit einer Art Treuhandanstalt in China zusammen. Zudem soll Frankfurt helfen, einen Finanzplatz Moskau zu formen. Sollte sich die Börse mehr mit solchen Themen befassen?

          Die Aktivität rund um die geplante Fusion hat viel Personal und Energie gebunden. Damit kann man sich jetzt anderen Dingen zuwenden beziehungsweise verstärkt widmen. Wir wollen natürlich, dass der Standort Frankfurt stark bleibt und die qualifizierten Arbeitsplätze hier erhalten bleiben. Es läuft ja gerade ein Kosteneinsparprogramm, mit dem Stellen nach Prag verlagert werden - mit allen Schwierigkeiten, die mit diesem Vorhaben verbunden sind. Damit haben die betroffenen Abteilungen im Haus durchaus erst einmal genug zu tun.

          Weshalb hat der Betriebsrat dann kürzlich das Angebot abgelehnt, über einen Standortsicherungsvertrag für Frankfurt-Eschborn zu verhandeln?

          Wir verhandeln sehr gerne über einen Standortsicherungsvertrag - aber es kommt doch auf die richtige Reihenfolge der Schritte an. Gespräche zu diesem Thema machen doch erst dann Sinn, wenn es eine Fusion gibt. Insofern wollten wir erst die Entscheidung der EU-Kommission abwarten. Wir verweigern selbstverständlich keine Gespräche, wenn sie sinnvoll erscheinen.

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