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Im Gespräch: Anja Willmann von Verdi : „Wer klagt, verliert den Kunden“

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Jeder für sich: Mitarbeiter im Frankfurter Stamm-Studio von Pixomondo erstellen visuelle Effekte für Kinofilme. Bild: /laif

In der Kreativwirtschaft spannen viele Unternehmen selbständige Freelancer in ihre Projekte ein. Wie leicht die Freien auf Gehaltsforderungen sitzen bleiben können, zeigt das aktuelle Beispiel Pixomondo. Kein Einzelfall, wie Anja Willmann berichtet. Sie kümmert sich bei Connexx.av um Freie in der Medienwirtschaft.

          Beim Filmbearbeiter Pixomondo warten viele Freie Mitarbeiter seit Monaten auf ihr Gehalt. Kommt das öfter vor in der Kreativwirtschaft?

          Wir erleben leider immer häufiger, dass Freie in der Kreativbranche nicht oder zu spät bezahlt werden – oder auch dass Auftraggeber pleite gehen.

          Warum ist das so?

          Durch die Globalisierung und die Digitalisierung in der Branche ist der Wettbewerb härter geworden und der Preisdruck steigt. Diesen Druck versuchen die Unternehmen, an die Freien durchzureichen. Solange die Freischaffenden sich dagegen nicht wehren, ist das für die Unternehmen oft der günstigste Weg. Die Freien machen sich dann auch noch untereinander Konkurrenz und unterbieten sich in den Preisen. Da zählt dann das billigste Angebot mehr als die Qualität.

          Aber mit schlechter Qualität können die Unternehmen ja nicht zufrieden sein. Der Oscar und die Emmys, mit denen Pixomondo schon ausgezeichnet wurde, sprechen doch für sehr hohe Qualität.

          Das liegt daran, dass die Freischaffenden an sich selbst und ihre Arbeit sehr hohe Ansprüche stellen, egal wie schlecht die Bezahlung ist. Die arbeiten an ihren Projekten schon einmal die Nächte und Wochenenden durch.

          Klingt nach freiwilliger Selbstausbeutung.

          Es fehlt einfach Transparenz im Markt. In Deutschland spricht ja niemand gern darüber, wie viel er verdient. Aber so gibt es auch gar keinen Überblick darüber, welches Unternehmen wie viel wie rechtzeitig bezahlt und was eigentlich ein normales Honorar ist in der Branche. Früher konnten wir als Gewerkschaft wenigstens noch Honorarempfehlungen abgeben. Aber solche Formen der Absprachen sind inzwischen durch das EU-Kartellrecht verboten.

          Warum machen da so viele mit?

          Für viele Freie ist es wichtig, namhafte Unternehmen und große Projekte als Referenzen angeben zu können. Da nimmt man dann mal die schlechte Zahlungsmoral eines Unternehmens in Kauf, in der Hoffnung dadurch andere Aufträge zu bekommen.

          Wie ist denn die rechtliche Lage? Es muss doch auch für die Freien Mitarbeiter bindende Verträge geben.

          So sollte es eigentlich sein. Selbst wenn es nur eine mündliche Absprache gäbe, wäre das ein Vertrag. Eigentlich müsste das Unternehmen dann die Rechnung begleichen innerhalb von 30 Tagen nachdem der Freie sie gestellt hat. Passiert das nicht, dann kann der Freie Verzugszinsen erheben.

          Und wenn dann immer noch nichts passiert? Soll der Freie dann sein Geld einklagen?

          Wir empfehlen niemandem, gleich eine Klage anzustrengen. Das ist teuer, dauert lange und mit hoher Wahrscheinlichkeit bucht der Kunde den Freien nie wieder. Erst einmal sollte das Gespräch mit dem Kunden gesucht werden, dann vielleicht eine freundliche Zahlungserinnerung geschrieben werden.

          All das hat bei Pixomondo offenbar lange nicht geholfen. Welche Möglichkeiten gibt es denn noch?

          Relativ unbürokratisch und kostengünstig kann ein Mahnverfahren beim Gericht beantragt werden. Das Gericht schickt dann eine Mahnung an das Unternehmen und das hat zwei Wochen Zeit, um dagegen zu widersprechen. Solange das Unternehmen keinen Insolvenzantrag gestellt hat, muss es andernfalls zahlen.

          Wie kann sich ein Freier vorher absichern, dass er hinterher auch sein Geld bekommt?

          Einfache Verträge, in denen nur der Umfang der Leistung und der Abgabetermin festgehalten sind, sind meistens am besten. Wenn allzu viele Sonderklauseln und Kleingedrucktes die Nutzungsrechte an der Arbeit des Freien beschreiben, ist das meistens zu seinem Nachteil.

          Auf Facebook haben sich einige Freie Mitarbeiter von Pixomondo organisiert und versuchen, über das Portal Druck auf das Unternehmen auszuüben. Sie haben dort Ihre Hilfe angeboten. Haben Sie viele Rückmeldungen bekommen?

          Nur vereinzelt. Die Freien fühlen sich meistens als Einzelkämpfer.

          Das sind ja auch meistens Ein-Mann-Firmen, also keine klassischen Arbeitnehmer, die sich in Gewerkschaften organisieren.

          Wir vertreten viele sogenannte Solo-Selbstständige. Wir unterstützen sie vor allem in rechtlichen Fragen, mit denen sie sich meist gar nicht beschäftigen wollen. Die wollen schließlich nur ihre Arbeit machen. Gerade für Freie wäre es gut, sich zusammenzutun, um gemeinsam stärker gegenüber den Unternehmen aufzutreten und Strategien zu entwickeln. Auch wenn Honorarabsprachen nicht mehr erlaubt sind, könnte man auf diese Weise zumindest Untergrenzen festlegen, ab denen es sittenwidrig wird.

          Die Fragen stellte Tim Kanning

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