https://www.faz.net/-gzg-6vpg6

Im Gespräch: Alfred Brendel : „Man muss als Künstler zwei widersprechende Dinge zugleich tun“

  • Aktualisiert am

Der Pianist Alfred Brendel in seinem Landhaus in Plush - in der englischen Provinz Dorset - während eines Hausbesuchs. Seit fast 60 Jahren steht der große Pianist Alfred Brendel auf der Bühne. Er hat das Publikum mit Haydn, Mozart, Beethoven verwöhnt und mit seinem Spiel und klugen Texten gebildet. Bild: Fricke, Helmut

Kinder, schafft Neues und schaut auf den Charakter: Alfred Brendel kommt mit einem Vortrag nach Frankfurt und spricht über „Charakter in der Musik“.

          Herr Brendel, ist die musikalische Schrift so unvollkommen, dass man den Charakter eines Stückes nicht aus den Noten herauslesen kann?

          Sie ist deutlich, um Form und Struktur des Stückes festzustellen. Die andere Dimension, ob man sie nun Charakter, Psychologie, Expression, die Affekte oder sonst wie nennt, geht über das, was die formalistische Musikwissenschaft gestattet, hinaus.

          Aber es gibt ja Bezeichnungen innerhalb eines Notentextes, die dieses Dilemma, den Charakter eines Stückes zu erkennen, aufzulösen suchen. Nehmen Sie etwa Begriffe wie Allegro.

          Ich möchte Ihnen dazu etwas vorlesen, was Schönberg in seinen „Fundamentals of Musical Composition“ gesagt hat: „Es ist heute zur falschen Gewohnheit geworden, anzunehmen, dass die Tempobezeichnung den Charakter bestimmt. Wenigstens für klassische Musik stimmt das nicht. Es gibt nicht nur einen Adagio-Charakter, sondern Hunderte, nicht einen Scherzo-Charakter, sondern Tausende.“

          Das bedeutet dann wohl, dass ein Interpret selbst in der Partitur einen Berg von Rätseln bewältigen muss.

          Nicht notwendigerweise, wenn er gewisse Gaben besitzt. Es gibt Menschen, die andere Menschen nicht beurteilen können, weil sie von irgendwelchen Äußerlichkeiten geblendet werden und überhaupt nicht bemerken, was der andere für ein Mensch ist. Dann gibt es welche, die ein sehr gutes Gespür oder die Erfahrung besitzen, den Charakter eines Menschen wenigstens teilweise festzustellen. Das ist auch eine der wichtigsten Aufgaben des Interpreten. Für mich war das von Anfang an immer wichtig, Form und Struktur auf der einen Seite und Charakter auf der anderen Seite zu erkennen, gerade weil bei den großen Komponisten beides in einem Amalgam zusammenfindet.

          Müsste ein Interpret dann neben dem Partiturstudium auch noch viel über den Komponisten wissen?

          Nein. Ich bin selber sehr daran interessiert zu erfahren, wer der Komponist gewesen ist, was er für ein Mensch war, unter welchen Umständen er gelebt und komponiert hat. Aber man soll meiner Meinung nach gar nicht vom Leben auf die Kunst schließen, als ob es eine Gleichung wäre. Manchmal widersprechen sich die Sphären. Außerdem ist der Mensch inkommensurabel mit dem Künstler. Der Mensch ist ein Mensch wie andere auch, mit seinen Schwächen und seinen Fähigkeiten. Aber was ein großer Künstler leistet, ist fast unbegrenzt. Das entspricht sich nicht. Und es erklärt einander nicht.

          Reden wir also nicht vom Menschen, reden wir vom Komponisten, den Sie doch in erster Linie verstehen möchten?

          Ich will in erster Linie das Werk verstehen.

          Möchten Sie wissen, was der Komponist gemeint hat oder was das Stück ausmacht?

          Was das Stück ausmacht. Was der Komponist gemeint hat, ist ja nicht immer so klar. Ich möchte wieder aus dem Schönberg-Buch zitieren. Er empfiehlt seinen Schülern, sie sollten selbst in ihren kleinsten Kompositionsübungen nicht versäumen, einen besonderen Charakter im Sinn zu haben. Ein Gedicht, eine Erzählung, ein Schauspiel oder Film könnten zu solchen Vorstellungen verhelfen. Alle Kompositionen sollten sich deutlich voneinander unterscheiden.

          Sie haben einmal gesagt, Beethoven habe sich in seinen musikalischen Charakteren nie wiederholt.

          Das stimmt.

          Ist Beethoven in dieser Hinsicht ein Sonderfall? War er besonders wandlungsfähig?

          Das kann man vielleicht so sagen, weil bei ihm Serien von Werken wie die 32 Sonaten oder die Streichquartette vorhanden sind, an denen man ablesen kann, wie verschieden er formen konnte. Aber das betrifft nicht nur Strukturen, sondern eben auch die Charaktere. Um es noch einmal deutlich zu sagen, aus der Form und der Struktur geht der Charakter nicht notwendigerweise hervor. Man muss den Charakter auf andere Weise finden. Das sind zwei Prozesse, die sozusagen auf verschiedenen Seiten beginnen: Form und Charakter. Wenn der Interpret Glück hat, treffen sie sich an einem Punkt, wo das Weh und Ach der Interpretation kuriert wird.

          Können Interpreten von einem Stück so gerührt sein, dass die Tränen nicht zurückgehalten werden können?

          Das ist eine bekannte Frage, auf die es zwei bekannte Antworten gibt. Eine ist von Carl Philipp Emanuel Bach, der sagte, nur der Spieler, der selbst gerührt ist, kann andere rühren. Und die andere stammt von Diderot und dann in der Nachfolge von Busoni, der sagte, nur der Spieler, der nicht selbst gerührt ist, kann die anderen rühren, denn sonst verlöre er die Kontrolle.

          Ich nehme an, dass Sie einmal zu der einen und einmal zu der anderen Antwort tendieren?

          Nein, überhaupt nicht. Ich tendiere zu einer Verquickung beider Ansichten. Man muss als Künstler zwei widersprechende Dinge zugleich tun.

          Sind musikalische Charaktere dem vergleichbar, was man unter menschlichem Charakter versteht?

          Bis zu einem gewissen Grad, ja. Ich empfehle meinen jungen Kollegen, ins Theater zu gehen, sich gute Schauspieler anzusehen und sich klarzumachen, wie ein guter Charakterdarsteller sich jeweils in eine andere Person verwandeln kann.

          Helfen Vergleiche, um den Charakter eines Stückes zu erkennen? Beethoven und Schubert haben zur selben Zeit gelebt und jeweils andere Lösungen für ähnliche kompositorische Probleme gefunden.

          Natürlich, ich finde es sehr wichtig, dass man die Zeit möglichst genau kennt, aus der die Stücke stammen, die man spielt. In diesem Fall eben auch die anderen Musikstücke, was andere Komponisten gemacht haben. Jedes Meisterwerk, auch des gleichen Komponisten, fügt der Erfahrung etwas hinzu, was vorher nicht da war. Das festzustellen, finde ich viel wichtiger, als die Gemeinsamkeiten zu erkennen. Warum ist ein Meisterwerk etwas Neues? Für mich ist das immer noch ein Kriterium, also was Wagner gesagt hat: Kinder schafft Neues, Neues, Neues.

          Alfred Brendels Vortrag „Charakter in der Musik“ findet am Montag um 20 Uhr im Mozart-Saal der Alten Oper statt.

          Weitere Themen

          Alice Merton, kann Deutschland Heimat sein? Video-Seite öffnen

          Tonangeber Folge 2 : Alice Merton, kann Deutschland Heimat sein?

          In „No Roots“ sang Alice Merton von ihrer Heimatlosigkeit – und wurde weltbekannt. Wir haben sie in ihrer Geburtsstadt Frankfurt getroffen und über die Sehnsucht nach Wurzeln gesprochen.

          Topmeldungen

          AKK : Merkels Tritt in die Kniekehlen

          Für Annegret Kramp-Karrenbauer läuft es derzeit nicht gut. Selbst die Kanzlerin lässt sie aussehen, als wollte sie sagen: Sie kann es (noch) nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.