https://www.faz.net/-gzg-6ywjw

Im Gespräch: Achim Thiel : „Übergriffe erinnern an die Startbahn West“

  • Aktualisiert am

Achim Thiel verteidigt die Strategie der Polizei. Das Ausmaß der Aggression sei nicht vorhersehbar gewesen. Bild: Fricke, Helmut

Auch das massive Aufgebot an Einsatzkräften konnte die Linksextremisten am Samstag nicht aufhalten. Die Polizei zieht ihre eigene Bilanz.

          Mehrere Dutzend Verletzte, Schäden von mehr als einer Million Euro - wie überrascht war die Polizei von dem Gewaltpotential der Demonstranten?

          Wir sind auf gewalttätige Aktionen immer eingerichtet. Und es ist unser Konzept gewesen, Banken und Geschäftsinhaber zu unterrichten, dass eine Demonstration stattfindet und auch Gewaltaktionen nicht ausgeschlossen werden können. Was uns allerdings überrascht hat, war die Intensität und Brutalität, die einige Demonstranten an den Tag gelegt haben.

          Es kam ja schon relativ früh zu Ausschreitungen. Hätte man die Veranstaltung aus diesem Grund nicht schon früher abbrechen müssen?

          Nachher ist man immer schlauer. Aber es war unser Bestreben, die Demonstration weiterlaufen zu lassen, um das eigentliche Ziel der Veranstaltung nicht zu behindern. Die Polizei ist immer bemüht, Deeskalation aufrecht zu erhalten. Wir haben anfangs sogar kleinere Sachbeschädigungen hingenommen. Die Straftaten haben sich im Verlauf aber immer weiter verschärft. Dann kam der Punkt, an dem wir gesagt haben, wir können das nicht mehr weiter hinnehmen. Unsere Taktik war, die Demonstration nicht aufzulösen, sondern nur die Straftäter herauszunehmen. Die Veranstaltung hätte mit den übrigen Teilnehmern ohne weiteres weiterlaufen können. Aber das wollten die ja nicht und sind zu Straftaten übergegangen.

          Zum Beispiel haben sie an der Zeil Geschäfte zerstört. Wie kam es dazu, dass diese Personen weiter randalieren konnten?

          Wir hatten ja anfangs die Hoffnung, dass die Demonstration friedlich weiterläuft, dies ist leider nicht so abgelaufen. Wir haben ein sogenanntes Raumkonzept gefahren, indem viele Bereiche der Stadt abgesichert wurden. Dass dort dann weiterhin Aggression an den Tag gelegt wird, war anfangs so nicht erkennbar.

          Werden Sie nun Ihr Konzept überdenken?

          Wir werden unser Vorgehen immer wieder neu anpassen müssen und überlegen, welche Auflagen für die Zukunft zu erteilen sind. Das ist im Wesentlichen Aufgabe der Versammlungsbehörde.

          Muss man sich angesichts der Schäden nicht auch fragen, ob die Route durch die Innenstadt überhaupt hätte genehmigt werden dürfen?

          Wie gesagt, nachher ist man immer schlauer. Aber die Route an sich war mit uns abgestimmt und war insoweit in Ordnung. Frankfurt ist an vielen Stellen Baustelle, es liegen überall Materialien herum. Die Demonstrationsteilnehmer haben im Boden verlegte Steine herausgebrochen. Da können wir führen, wie wir wollen. Wer den Willen hat, der kommt an Wurfgeschosse immer dran.

          Bei der Demonstration wurde auch ein Polizist schwer verletzt. Wie bewerten Sie diesen Angriff?

          In dieser Art und Weise haben wir die Gewalt gegenüber Beamten noch nicht erlebt. Wir haben zwar Gott sei Dank keine Toten zu beklagen, aber diese Übergriffe erinnern an die Situation an der Startbahn West. Das ist eine Verschärfung der Lage, die wir so in Frankfurt noch nicht gekannt haben. Unter den Demonstrationsteilnehmern waren einige, denen es nicht um die Sache ging, sondern nur um Gewalt. Es waren ja nicht nur Demonstranten aus Frankfurt dabei, sondern aus Freiburg, Berlin, Hamburg, Göttingen und sogar aus Frankreich, Italien und England.

          Wie zuversichtlich sind Sie, dass die begangenen Straftaten am Ende überhaupt nachgewiesen und geahndet werden können?

          Als die ersten Gewalttaten stattgefunden haben, haben wir uns entschlossen, den Zug enger zu begleiten, und das Verhalten konkret beobachtet. Ich bin zuversichtlich, dass im Rahmen der weiteren Ermittlungen ein Großteil der Straftaten zugeordnet werden kann.

          Die Fragen stellte Katharina Iskandar.

          Weitere Themen

          Was in der langen Nacht geschah

          FAZ Plus Artikel: Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.