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Frankfurter Wald : Mit Brettwurzeln und buschigen Blüten, die im Wind vibrieren

Die Stadt Frankfurt und die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald pflanzen Flatter-Ulmen und mit dabei sind Kinder der Textorschule Frankfurt. Bild: Carlos Bafile

60 Zweitklässler der Textorschule haben im Frankfurter Stadtwald 120 Flatter-Ulmen zusammen mit Stadträtin Heilig und der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald gepflanzt. Diese Baumart soll weniger anfällig für Schädlinge sein.

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          Die beiden acht Jahre alten Textor-Schüler Johan und Moses hatten es sich anders vorgestellt, als es in ihrer Sachsenhäuser Grundschule hieß, sie seien von der Stadt Frankfurt eingeladen, im Stadtwald junge Bäume zu pflanzen. „Ich dachte, die sind größer“, sagt Johan; so wie der Ahorn-Baum dort, der zwar noch jung ist, den zirka 1,40 Meter großen Jungen aber deutlich überragt. „An dem hier fehlen richtige Äste, und Blätter natürlich“, sagt sein Freund Moses und greift dann aber doch beherzt zum Spaten, um im Waldboden ein Loch für eine zierliche, zwei Jahre alte, laubfreie und erst gut einen halben Meter große Flatter-Ulme zu graben.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Diese Ulmenart ist Baum des Jahres 2019 und gestern in Anwesenheit von Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen) und Werner Ebert, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald Frankfurt, in der Nähe des Königsbrünnchens gepflanzt worden. 120 Jungbäume standen für rund 60 Zweitklässler der Textorschule bereit.

          Besonderheiten der Flatter-Ulme

          Die Flatter-Ulme ist ein Baum, der bisher wenig bekannt ist. Er hat zwei Besonderheiten: seinen Namen und die Form seiner Wurzeln. Ihren ungewöhnlichen Namen verdankt die Ulmenart ihren buschigen, langstieligen Blüten, die sich vor den Blättern ausbilden und im Wind flattern. Und sie hat markante Wurzeln, sogenannte Brettwurzeln, da sie in Feuchtgebieten und Flussauen zu Hause ist. Als einzige heimische Baumart kann sie Wurzeln wie die Urwaldriesen in tropischen Regenwäldern ausbilden. Diese mächtigen Wurzeln beginnen schon weit über dem Boden.

          Textorschüler pflanzen mit Hilfe von Förster und Lehrer Flatter-Ulmen im Stadtwald.

          Der Laubbaum, der stolze 35 Meter hoch werden kann, ist in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt, weil er, anders als seine Verwandten, die Berg- und die Feld-Ulme, weniger von einer tödlichen Pilzkrankheit betroffen ist, die durch Insekten, den Kleinen und Großen Ulmensplintkäfer, verbreitet wird. Vor mehr als 100 Jahren wurde der Käfer nach Europa eingeschleppt, 1925 erreichte er Deutschland. Seitdem herrscht das große Ulmensterben, das die Feld-Ulmen fast gänzlich hinweggerafft hat. Auch Berg-Ulmen erreichen nur selten ein hohes Alter.

          Klimaveränderungen trotzen

          Anders sieht es bei der stets nah am Wasser stehenden Flatter-Ulme aus. Fachleute gehen davon aus, dass der Ulmen-splintkäfer die Flatter-Ulmen nicht als Ulmen erkennt und sie deshalb geschont werden. Ihre Rinde unterscheidet sich in Struktur und Inhaltsstoffen deutlich von den anderen Ulmenarten. Förster Björn Thomas, der für den Stadtwald in Höhe des Stadtteils Sachsenhausen zuständig ist, vermutet dagegen, dass auch die Flatter-Ulmen befallen werden könnten, sollten sie nicht ausreichend feucht stehen. Für die Pflanzaktion hat er einen geeigneten Standort im Stadtwald gefunden.

          Die Flatter-Ulme steht auf der Frankfurter Baumliste, auf der sich nach Einschätzung des Grünflächenamts die Arten befinden, die geeignet sein könnten, den Klimaveränderungen zu trotzen. Nach Angaben von Grünflächenamtsleiter Stephan Heldmann ist sie jedoch nicht als Straßenbaum geeignet, wohl aber für Parks, insbesondere an Teichrändern.

          Die Auszeichnung Baum des Jahres gibt es in Deutschland seit 1989. Verantwortlich ist die „Baum des Jahres – Dr. Silvius Wodarz Stiftung“. Ein Fachbeirat, dem auch die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald angehört, steht ihr beratend zur Seite. In Frankfurt wird seit Jahren die so ausgedeutete Art am Tag des Baums, dem 25. April, im Stadtwald gepflanzt. Wegen der Osterferien ist der Termin in diesem Jahr um vier Tage verschoben worden. Man wolle mit der Aktion auf die unterschiedlichen Baumarten und die Bedeutung des Waldes aufmerksam machen, sagte Ebert. Schließlich sei der Wald durch den Klimawandel stark gefährdet. In ganz Deutschland stürben viele Bäume ab.

          Davon haben auch Johan und Moses gehört. Energisch stechen sie mit dem Spaten in den Boden, um eine weitere Flatter-Ulme zu pflanzen, auch wenn diese allein drei Jahre braucht, um so groß zu werden, wie die beiden heute schon sind.

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