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Aufwendige Restauration : Die Rückkehr einer Schönheit

Prunkstück: Die Ikonenwand der russisch-orthodoxen Reinhardskirche in Bad Nauheim nach der Restauration Bild: Wolfgang Eilmes

Die Ikonostase der russisch-orthodoxen Kirche in Bad Nauheim ist von besonderer Pracht. Sie war 1908 aus einem russischen Kloster nach Deutschland gebracht worden. Jetzt war ihre Schönheit bedroht.

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          Eine ungewöhnliche Fracht traf im Frühjahr 1908 in der Kurstadt Bad Nauheim ein: eine Ikonenwand, in Einzelteile zerlegt und in Kisten verpackt. Es handelte sich um ein Geschenk der Ordensbrüder des russischen Klosters Sarow, die beschlossen hatten, die mit Heiligenbildern geschmückte Wand in ihrem Kloster durch eine neue, noch größere zu ersetzen. Als die Klostergemeinschaft erfuhr, dass die Anfang des 20. Jahrhunderts in Bad Nauheim gegründete russisch-orthodoxe Gemeinde die Reinhardskirche im Herzen der Stadt erworben hatte und den Sakralbau dem Wohltäter Seraphim weihen wollte, der in Sarow gewirkt hatte, beschloss man, die Ikonenwand der Bad Nauheimer Gemeinde zu übereignen.

          Wolfram Ahlers
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Tatsächlich besitzt diese Holzwand in ihren ältesten Teilen aus dem frühen 19. Jahrhundert für Gläubige bis heute einen besonderen Wert, denn der Namenspatron der russischen Kirche soll nach seinem Tod vor dieser Wand aufgebahrt worden sein. Kunsthistorisch wertvoll ist diese gut zehn Meter breite und etwa drei Meter hohe Ikonostase nicht zuletzt auch, weil es sich um den einzigen Kunstschatz handelt, der von dem einst bedeutenden russischen Kloster erhalten geblieben ist.

          Fast fünf Jahre Restauration

          Zuletzt war das Prunkstück der Reinhardskirche abermals in Teile zerlegt und abtransportiert worden – in eine Restauratorenwerkstatt. Heiligenbilder, Säulen, Schnitzwerk und Blattgoldverzierungen waren derart angegriffen, dass sie umfassend restauriert werden mussten. Tatsächlich war das Team von Restauratoren fast fünf Jahre damit beschäftigt. Nun aber ist das aufwendige Renovierungswerk vollbracht und die Ikonostase in der Reinhardskirche wieder aufgebaut worden.

          Noch mehr Zeit nahm die Generalsanierung des Gotteshauses selbst in Anspruch. Es stammt aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und hat eine wechselvolle Geschichte. Sie diente zunächst der lutherischen Gemeinde, dann der katholischen, bevor dort Andachten nach orthodoxen Riten gehalten wurden. Rund 15 Jahre nachdem die ersten Baugerüste aufgestellt worden waren, sind in diesen Tagen mit dem Einbau einer neuen Treppe zur Empore die letzten Arbeiten erledigt worden.

          Knapp eine Million Euro an Zuschüssen

          Dass die Rundumrenovierung und die Restaurierung der Ikonostase möglich wurden, ist nicht zuletzt dem Förderverein Russische Kirche Bad Nauheim zu verdanken. Er war nicht nur federführend an Planung und Koordinierung der einzelnen Sanierungsabschnitte beteiligt, sondern engagierte sich auch besonders für die Finanzierung. Gut anderthalb Millionen Euro waren aufzubringen, davon etwa eine viertel Million für die Ikonostase.

          So viel Geld konnten die Glaubensgemeinschaft der Bruderschaft „Bratstwo“ als Eigentümerin der Kirche und die kleine orthodoxe Gemeinde bei weitem nicht aufbringen. Also machte sich der Förderverein daran, eine Vielzahl von Spenden aufzutreiben; außerdem kümmerten sich die rührigen Mitglieder auch um Geldgeber der öffentlichen Hand. Tatsächlich gelang es, nicht nur von der Stadt einen Beitrag zu bekommen, auch der Wetteraukreis und das Land stellten Geld bereit. Unterstützung gab es ferner von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die das Vorhaben wegen der Bedeutung der Ikonenwand in ihr Förderprogramm aufnahm. Gut eine Million Euro standen am Ende an Zuschüssen bereit.

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