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„Frankfurt Forward“ : Ideen von Kleinen für das Geschäft von Großen

Treibt „Frankfurt Forward“ mit seinem Team voran: Christian Garbe, einer der Väter dieser Initiative Bild: FIZ

Die junge Initiative „Frankfurt Forward“ bringt Chefs von Konzernen und Start-ups zusammen. Es ist bereits eine Handvoll Projekte mit Ideen für neue Produkte und Dienste entstanden.

          Wie können Fluggäste besser durch den Frankfurter Airport gelotst werden? Diese Frage hat sich der Flughafenbetreiber Fraport AG gestellt - ohne die Antwort zu finden. Deshalb hat sich der Konzern Hilfe gesucht: bei einem kleinen Start-up namens Candylabs. Vorstandschef Stefan Schulte trat sich mit Daniel Putsche, einem der beiden Geschäftsführer der Internetagentur, zu einem Gedankenaustausch beim Abendessen. Im Anschluss daran hatte Putsche den Auftrag für Candylabs in der Tasche, Ideen auszuarbeiten, mit denen die Navigation der Passagiere verbessert werden könnte. Was seine Firma lieferte, ist bei Fraport auf Beifall gestoßen: „Candylabs hat uns gute Konzepte vorgestellt, mit der Zusammenarbeit sind wir sehr zufrieden.“ Den Kontakt zwischen beiden Unternehmen haben die Macher von „Frankfurt Forward“ hergestellt, einer Initiative, die etablierte Industrieunternehmen mit jungen Technologiefirmen zusammenbringen will. Aber nicht nur das.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Ziel von „Frankfurt Forward“ könnte kaum anspruchsvoller sein. Eine „neue Marktmacht“ in der Gesundheitsbranche und eine neue Kultur im Frankfurter Wirtschaftsleben zu erreichen, hat Christian Garbe als Leitlinie ausgegeben. Der Geschäftsführer des Frankfurter Innovationszentrums Biotechnologie ist einer der Väter der Initiative, die aus der Arbeit am Industrie-Masterplan heraus entstand. Vor neun Monaten kündigte Garbe an, zehn „Industrie-Kapitäne mit den coolsten Start-ups dieser Stadt“ an einen Tisch zu bringen - diese Marke ist fast erreicht. Die Vorstandschefs von neun Konzernen machen mit. Von neuer Marktmacht ist noch nicht die Rede. Aber in vier Fällen mündeten die Gespräche schon in eine Zusammenarbeit, aus der neue Produkte entstehen sollen.

          Mainova sinnt auf neue Dienste

          Beispiel Mainova: Der Frankfurter Energie- und Wasserlieferant will fortan mit dem auch in der Stadt ansässigen Start-up Acellere GmbH kooperieren - und zwar angesichts der bevorstehenden Einführung sogenannter intelligenter Stromzähler. Solche auch Smart Meter genannten Geräte zeigen dem Nutzer etwa eines Stromanschlusses den tatsächlichen Verbrauch und die Nutzungszeit an und können diese Daten automatisch online an den Energieversorger übertragen. Auf diese Weise kann aufgezeigt werden, wer wann wie viel Strom verbraucht. Solche Messsysteme können zum Beispiel genutzt werden, um die Waschmaschine nachts laufen zu lassen, wenn der Strom billiger ist als zu anderen Zeiten.

          In der Folge laufen bei einem Anbieter wie der Mainova große Mengen an Daten auf. Aus unternehmerischer Sicht gilt es, sie zu nutzen - für neue und individuell zugeschnittene Produkte, die der Frankfurter Versorger nach den Worten von Vorstandschef Constantin Alsheimer den Kunden künftig anbieten will. Dabei soll Acellere helfen. Die junge Firma mit Sitz an der Bockenheimer Landstraße liefert Computerprogramme, die Daten auswerten. Alsheimer erhofft sich dadurch, „die Bedürfnisse unserer Kunden besser zu verstehen“. Wie Christian Jakob, Leiter von Frankfurt Forward, anmerkt, gibt es in Israel und den Vereinigten Staaten schon Anbieter wie Acellere, die anhand des Stromverbrauchs ermitteln können, welche Geräte nicht optimal laufen.

          Smartphone-App für Gebäudereiniger

          Auch der Mittelständler Fragro aus dem Ostend hat sich auf einen Vorstoß von Frankfurt Forward hin mit einem Start-up zusammengetan. Die Firma ist auf die Reinigung von Pharma-, Chemie- und Industriebetrieben spezialisiert und möchte die Dokumentation seiner Dienste künftig per Smartphone-App komplett digitalisieren, statt wie bisher Arbeitsnachweise und Lieferscheine zunächst von Hand zu unterschreiben und die Zettel danach digital einzulesen. Verwirklichen will Fragro dies mit der Hilfe der jungen Firma Appjigger, die an der Kaiserstraße ansässig ist.

          Appjigger versteht sich als Entwickler von Smartphone-Apps für Industrie und Handel. Zu den Kunden gehören der Süßwarenproduzent Ferrero, der Limburger Arzneimittelhersteller Mundipharma, der Pharma-Weltkonzern Astra-Zeneca und das Klinikum Saarbrücken, wie auf der Internetseite von Appjigger zu lesen ist.

          Die Gebäudetechnik-Sparte des Dienstleistungskonzerns Wisag hat sich derweil mit dem Ingenieurberatungsbüro Surcon darüber ausgetauscht, wie Gebäude per Software noch besser bewirtschaftet werden können. Der Hintergrund: Wie es heißt, ist dieser Markt aufgrund einer Vielzahl von Dienstleistern, die unterschiedlich arbeiten, für Immobilieneigentümer nur schwer zu durchschauen. Der Wechsel des Dienstleisters sei mit hohen Kosten verbunden. Der Wisag Gebäudetechnik ist nach eigenen Angaben nun daran gelegen, die für die Dokumentation von Arbeiten genutzten Computerprogramme auf breiter Basis zu vereinheitlichen. Der Anbieter verspricht sich davon, seinen Kunden neue und effizientere Dienste anbieten zu können.

          Auch andere Unternehmen wie Allessachemie, der Industriepark-Betreiber Infraserv Höchst und der Automobilzulieferer Continental Teves erhoffen sich von Kontakten, die „Frankfurt Forward“ zu Start-ups vermittelt hat, künftig wirtschaftliche Vorteile. „Frankfurt Forward kann Initialfunke für langfristige Partnerschaften zwischen etablierten Industrieunternehmen und jungen Köpfen sein“, meint Frankfurts Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU). Zudem heißt es: „Frankfurt Forward ist Fast Forward“ - Garbe und Jakob nehmen mithin für sich in Anspruch, die Projekte rasch voranzutreiben. Der Erfolg stellt sich aber nicht zwingend von heute auf morgen ein, wie das Beispiel Fraport zeigt. Bisher hat der Flughafenbetreiber die von Candylabs unterbreiteten Ideen zur Passagiernavigation nicht verwirklicht - das liege aber nicht an der Qualität der Vorschläge. Andere Dinge sind, wie es weiter heißt, Fraport derzeit noch wichtiger.

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