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ICE-Anbindung Darmstadts : Ein Zeichen von Einigkeit

Lieber lang angebunden: Auch künftig soll nach dem Wunsch Darmstadts der ICE in der Stadt halten. Bild: dpa

Südhessische Politiker beraten mit Tarek Al-Wazir über den Bahnverkehr. Die Südanbindung Darmstadt ist der heikelste Punkt. Statt lediglich des Hauptbahnhofs kommt das Stadtgebiet in Frage.

          3 Min.

          Vertreter der südhessischen Städte, Kreise und Gemeinden sowie der Wirtschaft haben sich im hessischen Verkehrsministerium auf eine Stellungnahme zu der Studie verständigt, wie künftig Eisenbahnverkehr entlang dem Rhein laufen soll. Dabei ging es auch um den heikelsten Punkt, die Anbindung Darmstadts.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Wie Minister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) nach der Veranstaltung im Gespräch mit dieser Zeitung sagte, soll das Bundesverkehrsministerium gebeten werden, die Anbindung des Darmstädter Hauptbahnhofs von Süden her über eine Querspange zwischen der Main-Neckar-Bahn und der Neubaustrecke noch auf Darmstädter Stadtgebiet zu prüfen.

          Für diese Lösung zeigt sich auch Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) offen. „Man darf nicht reflexartig sagen, das geht auf keinen Fall.“ Dies sei eine realistische Chance, Darmstadt anzubinden, und die wichtigste Infrastrukturentscheidung dieser Jahre. Es sei allerdings nicht möglich, eine Trasse oberirdisch durch Gewerbe- und Siedlungsgebiete zu führen. „Wir müssen darüber reden, welche Alternativen möglich sind.“ Eigentlich sei nur eine Tunnellösung möglich. „Jetzt ist der Bund gefragt, einen technischen Vorschlag zu machen.“ Wo die Trasse genau verlaufen solle, lasse sich bisher nicht sagen, es werde aber nicht die an der Eschollbrücker Straße sein, die man vor Jahren verworfen habe.

          Im Fernverkehr zählt Wirtschaftlichkeit

          Das bedeutet zugleich, dass die Alternative, der Bau einer solchen Querverbindung südlich von Pfungstadt, nicht in den Katalog der Vorschläge aufgenommen wird, mit denen sich Al-Wazir an das Bundesverkehrsministerium wenden will. Dagegen hatten sich vor allem Politiker in Pfungstadt und im Landkreis gewehrt. Priorität habe eindeutig die Verbindung noch auf Darmstädter Gebiet, sagte Al-Wazir. Das ist insofern von Bedeutung, als vor einigen Jahren genau solch eine Trasse in der Stadt abgelehnt worden war, weil sie durch ein Wohngebiet geführt hätte.

          Auch wenn die Gleise einen anderen Verlauf nehmen sollten, wird die Entscheidung für eine konkrete Trasse nicht leicht sein; Al-Wazir zufolge finden sich auf ins Auge gefassten Abschnitten gegenwärtig zum Beispiel Gewerbebetriebe. „Das ist vor Ort nicht einfach“, sagte der Minister. Das Bundesverkehrsministerium solle daher auch prüfen, ob Teile der Trasse in einem Tunnel oder wenigstens in einem Einschnitt verlaufen könnten.

          In dem vor einigen Wochen veröffentlichten Gutachten ist allerdings ein für die Diskussion in Darmstadt neuartiges Problem benannt. Bisher ging es stets nur um die Frage, ob und wie der Hauptbahnhof mit der an der Stadt vorbeiführenden Neubaustrecke verbunden wird. Die Gutachter, die im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums tätig geworden sind, wiesen nun aber darauf hin, dass sich allein wegen der dort später verkehrenden ICE der Bau einer solchen Querspange nicht rechne, zumal heute niemand wisse, ob die Deutsche Bahn, die im Fernverkehr allein nach wirtschaftlichen Kriterien entscheidet, überhaupt Züge in Darmstadt halten lassen wolle.

          Darmstadt bleibt strittiger Punkt

          Deshalb kam in der Sitzung am Mittwoch die Idee auf, auch einen Teil des heute auf der Main-Neckar-Bahn verlaufenden Fernverkehrs südlich des Darmstädter Hauptbahnhofs auf die Neubaustrecke zu verschwenken, also namentlich IC-Züge. Das bedeutete aber, dass in Bensheim solche Züge seltener oder gar nicht mehr hielten. Andererseits wäre auf den Gleisen mehr Platz für Regionalzüge. So kam der Gedanke auf, den Hessen-Express genannten Zug, der künftig von Wiesbaden über den Frankfurter Flughafen nach Darmstadt fahren soll, bis Bensheim und womöglich sogar bis Heidelberg zu verlängern.

          Weniger strittig als die Anbindung Darmstadts sind andere Streckenabschnitte, die in dem Gutachten angesprochen werden. So verständigten sich die Politiker und Wirtschaftsvertreter darauf, dass vom Bundesverkehrsministerium zwei weitere Planungsvarianten für die Weiterstädter Kurve geprüft werden sollen. Das ist die Verbindung der Eisenbahnstrecke von Mainz nach Darmstadt mit der künftigen Neubaustrecke, die von Güterzügen genutzt werden soll. Hier hatten die Gutachter recht weit von dem Schnittpunkt der beiden Strecken entfernte Kurven geplant. Nun sollen auch zwei enger geführte Verbindungen in die Prüfung einbezogen werden, eine davon im Tunnel.

          Lärmschutz gefordert

          Einig war man sich auch, dass der Bau einer Neubaustrecke allein für den Güterverkehr durch den Hunsrück weiterverfolgt werden soll. Dadurch könnte das Rheintal entlastet werden, doch hatten die Gutachter einem solchen Vorhaben wegen der hohen Kosten wenig Chancen gegeben. Einig war man sich außerdem, dass auch die Wallauer Spange gebaut werden soll. Das wäre eine Strecke, die von der Neubaustrecke Frankfurt - Köln nach Wiesbaden abzweigt. Erst durch dieses kurze Verbindungsstück könnte der Hessen-Express überhaupt den Betrieb aufnehmen. Schließlich zählte zu den Forderungen der etwa 50 Frauen und Männer, die sich in Wiesbaden zur Stellungnahme getroffen haben, bei allen Vorhaben den Lärmschutz zu berücksichtigen.

          An der Sitzung nahmen auch die Darmstädter Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid (Die Grünen), Vertreter der hessischen Landkreise entlang dem Rhein, der jeweiligen Gemeinden, der Deutschen Bahn, des Rhein-Main-Verkehrsverbunds und der Industrie- und Handelskammer Darmstadt teil. Formal wird Al-Wazir die Stellungnahme der Region dem Berliner Ministerium noch in schriftlicher Form zuleiten. Ihr wird insofern Bedeutung zukommen, als das Bundesverkehrsministerium gerade den neuen Bundesverkehrswegeplan erarbeitet.

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