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IAA und Frankfurt : Wirtschaftskraft auf Rädern

So wurde die Automesse über Jahrzehnte zelebriert, Jungen und Männer berauschen sich an Lack und PS (1955) Bild: Klaus Meier-Ude F.A.Z. vom 26. September 1955

Die IAA ist keine Frankfurter Erfindung. An den Main zog die Schau erst nach der deutschen Teilung. Aber das Festival der glänzenden Karossen und die Stadt mit ihrer aufstrebenden Architektur passten lange Zeit sehr gut zusammen.

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          Zum 65. Geburtstag war die Welt noch in Ordnung. Die Internationale Automobil-Ausstellung sei nun zwar im Rentenalter, aber frischer denn je, so stand es 2013 in dieser Zeitung. Damals hat wohl keiner daran gedacht, dass sich an der Verbundenheit der IAA mit Frankfurt etwas ändern könnte. Es sei denn, die Berliner. Sie kennen den Trennungsschmerz, den nun die Frankfurter durchleben, nur zu gut – und haben ihn nie ganz verwunden.

          Inga Janović

          Wirtschaftsredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn in der Hauptstadt, in einem Hotel an der noblen Allee Unter den Linden, beginnt im September 1897 die Geschichte der Automobilausstellungen in Deutschland. Ganze acht Wagen von vier Herstellern – Benz, Daimler, Lutzmann und Kühlstein – werden dem Publikum vorgestellt. Viele Menschen kommen nicht, um sich das anzusehen, Autos gelten noch als „Stinkekarren“, und legendär ist die Einschätzung von Kaiser Wilhelm II., dass die Automobilität nicht mehr sei als eine vorübergehende Erscheinung.

          Erst nach der Jahrhundertwende steigen auch Kaiser und Adel vom Pferd, da hat es in Berlin schon Autoausstellungen mit mehr als 100.000 Besuchern gegeben. Aber nicht nur dort ziehen die Automobile die Menschen an, auch in Frankfurt gibt es 1900 eine erste Schau, ebenso in Nürnberg. Das wird den Herstellern zu viel, 1901 gründen sie den Verein Deutscher Motorfahrzeug-Industrieller, den Vorläufer des heutigen Verbands der Automobilhersteller, und beauftragen ihn mit der Ausrichtung einer zentralen Messe. Deren fester Standort wird erst nach einigen Jahren Berlin, 1904 ist man beispielsweise in Frankfurt am Main zu Gast. Die offizielle IAA-Tradition am Main lässt sich demnach 116 Jahre zurückverfolgen.

          Das Auto im Wirtschaftswunder

          Wobei sie zugegebenermaßen erst Anfang der fünfziger Jahre so richtig an Fahrt gewinnt, als die Hersteller – 26 Firmen produzieren seit Kriegsende wieder Personen- oder Nutzfahrzeuge – wegen der deutschen Teilung und der Insellage Berlins den Umzug nach Frankfurt beschließen. Der Messetermin liegt im April (im September wird noch ein letztes Mal in Berlin präsentiert), zur Eröffnung kommen prominente Gäste. Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU), eine Riege von Ministern und Bundespräsident Theodor Heuss geben sich die Ehre. Und während es auf der vorerst letzten Frankfurter IAA das Stadtoberhaupt ist, das mit einer (nicht gehaltenen) Rede einen Eklat hervorruft, ist es bei der Premiere das Staatsoberhaupt. Heuss düpiert die Firmenchefs mit der Bemerkung, er verstehe nichts vom Autofahren und hätte die Rede besser seinem Chauffeur überlassen. Da sind Adenauers Worte weitaus staatstragender, als er sich bei den Herstellern für die Zusage bedankt, „alles daranzusetzen, um die Exporte zu steigern und damit verstärkt zur Devisenbeschaffung beizutragen“.

          Anschauungsobjekte: Eine junge Frau als Dekoration neben einem teuren Wagen gestellt. Bilderstrecke
          IAA in Frankfurt : Die IAA zählt zu einer der wichtigsten Automobilmessen

          Die Hoffnung werden die Autohersteller in den folgenden Jahren übererfüllen. Das Auto wird zum Symbol des Wirtschaftswunders und der Exportkraft der deutschen Industrie. 1956, man feiert den siebzigsten Geburtstag des Automobils, ist Deutschland nach den Vereinigten Staaten der zweitgrößte Autohersteller. Mehr als 300.000 Menschen arbeiten in der Branche, etwa die Hälfte der Fahrzeuge wird ins Ausland verkauft. Sicherheitsgurte, Selbstbedienungstanksäulen, herausnehmbare Autoradios, helle Lackierungen, Überseecontainer, Airbags oder Bordcomputer gehören neben immer neuen Automodellen zu den Attraktionen jeder Messe. Wobei manches, was als neu angepriesen wird, im Rückblick alt aussieht: Autos mit Elektro- und Hybridantrieb sind schon in den neunziger Jahren ein Höhepunkt der Messe, auf der jüngsten Autoschau heben die Hersteller wieder Modelle mit alternativen Antrieben groß auf die Bühne. Doch die Hunderte, die draußen vor der Festhalle demonstrieren, nehmen ihnen den Willen zur technischen Wende nicht mehr ab.

          Proteste und Krisen

          Wobei Proteste und Krisen von Anbeginn zur IAA gehören. 1971 muss die Messe infolge der Ölkrise sogar abgesagt werden. Ihre internationale Bedeutung schöpft die IAA vor allem daraus, dass zu den Ausstellern außer den Herstellern auch die Zulieferer gehören. Die Frankfurter können beobachten, wie die Beziehungen zwischen Deutschland und der Welt seit den fünfziger Jahren wieder enger werden. Am Anfang werden Besuchergruppen aus dem Ausland positiv registriert, Bestellungen aus Schweden und Australien anerkennend in der Zeitung erwähnt. In den sechziger Jahren kommen mehr internationale Aussteller an den Main, 1965 ist beispielsweise erstmals der japanische Hersteller Honda dabei.

          Während die Schau 1951 auf 600.000 und damit auf deutlich weniger Besucher als ihre Berliner Vorgänger kommt, schnellen die Zahlen von Ausstellern und Gästen von da an hoch. 1961 nähert sie sich mit 950.000 Besuchern erstmals der Millionengrenze, diese wird zuletzt 2007 überschritten. Der Andrang ist auch für die Stadt eine Herausforderung. Die Autoschau, so schreibt ein Kollege schon 1955, ist zuallererst ein Autostau. Selbstverständlich reist man hier mit dem eigenen Wagen an, um diesen durch die Frankfurter Straßen zu lotsen. Die Landespolizei entsendet damals zwei Hundertschaften zur Unterstützung der Verkehrspolizisten, und es werden 4000 zusätzliche Schilder aufgestellt. Das Rebstockgelände wird zum riesigen Parkplatz umfunktioniert.

          Immer größer wird der Platzbedarf der Schau, die Frankfurter Messegesellschaft richtet sich auf ihren größten Kunden ein und baut nach und nach neue Gebäude. Zuletzt die Halle 12, die 2018 eröffnet wurde. Doch in den besten Jahren ist das große Areal trotzdem zu eng, 1991 wird die IAA aufgespalten: Nur noch die Personenwagen sind in Frankfurt ausgestellt, die Nutzfahrzeughersteller weichen nach Hannover aus. Dort hätte man nun gern den Rest der Messe übernommen, ist aber ebenfalls bereits aus dem Rennen. Bleibt mehr Hoffnung für Berlin, das seine Ansprüche seit der Wiedervereinigung immer wieder angemeldet hat. Vor jeder Vertragsverlängerung zwischen Herstellerverband und Messegesellschaft wurde der Name der Hauptstadt geraunt. An Frankfurt kann es nun nicht mehr liegen.

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