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IAA Frankfurt : Wenn Autos Käufer, aber keine Fahrer mehr brauchen

Einfach mal loslassen: Das gilt aber nur in Autos, die mit Computerhilfe autonom fahren. In konventionell ausgestatteten Wagen sollte man das besser nicht tun. Bild: dpa

Die IAA ist Bühne für Traum- wie für Vernunft-Autos. Computer sind überall verbaut. Doch diesmal geht es vom 17. bis 27. September in Frankfurt auch um die Möglichkeiten, Rechnern das Steuer bisweilen ganz zu überlassen.

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          In ein paar Jahren könnte sich am Frankfurter Börsenparkhaus das zutragen: Ein Nutzer identifiziert sich an der Schranke via Computer, steigt aus und geht. Erstaunlicherweise setzt dann kein Sturm der Empörung hinter dem nun fahrerlosen Wagen ein. Das Gefährt setzt sich vielmehr wie von selbst in Bewegung und steuert die Kurven hinauf bis zu einer Parklücke. Aus der wird das Auto dann auch wieder hinausfahren - ohne die menschlicher Hektik oder schlichtem Unvermögen geschuldeten Parkrempler. Am Ausgang sammelt der Wagen dann seinen Fahrer wieder ein.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          So in etwa könnte schon die nähere Zukunft des Autofahrens aussehen, sagt ein Sprecher der Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Der Nutzer habe dann mehr Zeit für andere Dinge und weniger Stress. Ab und an darf der Fahrer womöglich auch einmal selbst aufs Gas treten und lenken. Dass er auch dabei vollständig vom Computer überwacht und im Ernstfall korrigiert wird, muss er ja nicht wissen.

          Bosch ist einer der großen Aussteller

          Mit dem Internet verbundene, fahrerlos fahrende und teilweise oder ganz elektrisch angetriebene Autos sollen diesmal ein Schwerpunkt der IAA sein. Der Branchenverband widmet auf seiner großen Automobilmesse, die vom 17. bis 27. September Hunderttausende aus aller Welt nach Frankfurt locken wird, diesem Trend unter der Überschrift „New Mobility World“ eine eigene Schau.

          Einer der großen Aussteller ist Bosch. Die Tochter Mobility Solutions ist inzwischen die größte Sparte der ganzen Gruppe. Im Geschäftsjahr 2014 steuerte die Mobilitätstochter mit 33 Milliarden Euro beinahe 70 Prozent zum Gesamtumsatz der Gruppe bei. Bosch bearbeitet unter der Überschrift Mobilitätslösungen drei große Themen: das automatisierte Fahren, die Verbindung von Auto und Internet und moderne Antriebsysteme, worunter auch Einspritzsysteme für Verbrennungsmotoren fallen, aber vor allem die Hybridtechnik, also die Kombination von Verbrennungs- und Elektromotoren, und rein elektrische Antriebe inklusive der Lade-Infrastruktur.

          Wo Verkehrsjuristen ihr Veto einlegen

          Bosch hat gerade mit dem niederländischen Navigationssystem-Hersteller Tom Tom eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung von digitalen Straßenkarten vereinbart, die so genau sein sollen, dass sie für den Einsatz in selbstfahrenden Autos taugen. Wie ein Sprecher der Stuttgarter sagt, ist es schon heute machbar, dass ein Wagen auf ausgewählten Strecken, etwa auf Autobahnen, „die komplette Verantwortung übernimmt“. Theoretisch kann der Fahrer also hinter dem Steuer Zeitung lesen oder sich zu einem Nickerchen hinlegen.

          Spätestens an dieser Stelle stehen allerdings Verkehrsjuristen die Haare zu Berge. Denn das führerlos fahrende Auto verstößt eklatant gegen Rechtsvorschriften, wie der Bosch-Sprecher zugibt. Da ist beispielsweise die Wiener Straßenverkehrskonvention von 1968, die auch in Deutschland gilt. Sie besagt wörtlich: „Jedes Fahrzeug und miteinander verbundene Fahrzeuge müssen, wenn sie in Bewegung sind, einen Führer haben.“ Und weiter heißt es: „Jeder Fahrzeugführer muss unter allen Umständen sein Fahrzeug beherrschen.“ Da scheint erst einmal kein Spielraum für autonomes Fahren. Doch wie bei Bosch weiter zu erfahren ist, arbeiten Industrie und Politik derzeit daran, die Konvention so zu ändern, dass Autos und die Rechner in ihnen zumindest zeitweise die Kontrolle übernehmen dürfen.

          Haftung auch rechtlich unklar

          Heikel ist nach Angaben des Bosch-Sprechers auch die ebenfalls international verbindliche Richtlinie ECE/UN R 79 über Lenkanlagen. Die soll für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sorgen und untersagt deshalb unter anderem, Autos jenseits von zehn Kilometern in der Stunde autonom fahren zu lassen. Die Autobahn scheidet damit also erst einmal aus, das autonome Einparken aber nicht.

          Rechtlich zumindest unklar ist auch die Frage der Haftung im Falle eines Unfalls. Denn die grundsätzliche Halterhaftung kann bei höherer Gewalt unter Umständen wanken - etwa bei einer nachgewiesenen Fehlfunktion des Rechners. In der Praxis dürfte sich ein Halter der Haftung aber schon wegen der zuletzt von Bundesgerichtshof festgestellten generellen Verantwortung aus der sogenannten Betriebsgefahr heraus kaum ganz entziehen können.

          Sind rechtlich zwar noch Fragen offen, haben die Ingenieure die technischen Voraussetzungen für ganz oder teilweise autonom fahrende Autos längst geschaffen: Mercedes verspricht, dass die E-Klasse, die im Frühjahr auf den Markt kommt, als erstes Serienfahrzeug der Welt mit dem Smartphone einzuparken sein wird. Premium-Konkurrent BMW lässt derweil im Gegenzug die neuen Luxusliner der 7er-Reihe autonom aus der Garage rollen.

          Mehr Angebote auch in Kleinwagen

          Vernetzung und autonomes Fahren ist aber kein Privileg der hochpreisigen Hersteller, auch die Volumenproduzenten wie Volkswagen und Opel arbeiten an den neuen Möglichkeiten und haben auch schon einiges davon zur Serienreife entwickelt.

          Die Rüsselsheimer Autobauer von Opel etwa bieten in Kleinwagen wie dem Adam schon einen automatischen Parkassistenten, der Längs- und Querparklücken selbständig erkennt und anschließend automatisch den richtigen Lenkwinkel einschlägt. Zugleich lässt der elektronische Helfer den Fahrer wissen, wann es Zeit ist, zu schalten, Gas zu geben und zu bremsen.

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          Mit ihrem Angebot Opel-on-Star haben die Rüsselsheimer auch eine Art internetbasierten Concierge-Service im Angebot. Dort kann man zwar keine Theater- oder Konzertbuchungen ordern, aber beispielsweise mit einem Knopfdruck einen Helfer bitten, ein bestimmtes Lokal zu suchen und die Position auch gleich in das Navigationssystem des Autos einzuspeisen.

          In dem Paket eingeschlossen, für das im ersten Jahr keine Entgelte anfallen, ist auch ein leistungsfähiges W-Lan-Netz im Auto für bis zu sieben Endgeräte, wie ein Sprecher der Rüsselsheimer geradezu schwärmt. Eine Urlaubsfahrt mit Kindern könnte dann tatsächlich ruhiger als sonst ablaufen, weil der Nachwuchs tief im Internet versinkt.

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