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Hypnose für Patienten : In Trance einen Weg aus der Krise finden

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Die junge Frau schließt die Augen, wirkt ganz entspannt. "Wir nutzen die physiologischen Effekte des Ermüdens, um einen Menschen in Trance zu versetzen." Der das sagt, ist kein Zauberkünstler, und mit Hokuspokus hat die Szene auch nichts zu tun.

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          Die junge Frau schließt die Augen, wirkt ganz entspannt. "Wir nutzen die physiologischen Effekte des Ermüdens, um einen Menschen in Trance zu versetzen." Der das sagt, ist kein Zauberkünstler, und mit Hokuspokus hat die Szene auch nichts zu tun. Ärztliche Hypnose ist eine seriöse Angelegenheit und gehört zu den ältesten auf die Psyche zielenden Behandlungsmethoden. Jede Sitzung beginnt damit, daß der Therapeut beruhigende Worte in sanftem Tonfall spricht und seinen Patienten zum Beispiel einen bestimmten Punkt fixieren läßt. Als Therapie nutzen das Verfahren zunehmend niedergelassene Ärzte, Zahnärzte und psychologische Psychotherapeuten. Deren Zahl schätzt Michael Hübner, Ausbildungsleiter der Deutschen Gesellschaft für Hypnose, auf 500 bis 1000 in Hessen. Vereinzelt arbeiteten auch Krankenhäuser mit der Methode, zum Beispiel in der Anästhesie.

          Als Indikationen für eine Hypnose nennt die Gesellschaft unter anderem Depressionen, Ängste, Zwänge, psychosomatische Beschwerden, Schlaf- und Persönlichkeitsstörungen sowie Schmerzen. Zahnärzte mit spezieller Zusatzausbildung nutzen das Verfahren, um beim Bohren beispielsweise mit weniger Narkosemitteln auszukommen. Diplom-Psychologe Hübner hat darüber hinaus gute Erfahrungen bei Neurodermitis oder Asthma gemacht. Mit Hilfe der Hypnose könnten "heilende Bilder" konstruiert werden, zum Beispiel indem sich ein Asthmatiker vorstelle, wie sich seine Bronchien entkrampften. In Trance würden im Gehirn Bilder produziert, die dann auf der körperlichen Ebene zu gesundheitsfördernden Reaktionen führen könnten, erklärt er.

          Um ein Schlafen im eigentlichen Sinne handele es sich bei der Trance nicht. Doch sei ein Mensch in diesem äußerst entspannten Zustand eher als sonst bereit, gewisse Suggestionen aufzunehmen. Ziel sei es, auf diesem Weg neue neuronale Muster zu bilden, so daß der Patient künftig anders auf eine bestimmte Situation reagieren könne.

          In die Praxis von Dagmar Kühne-Burk, Allgemeinmedizinerin mit Weiterbildung in Psychotherapie, kam einmal eine Patientin, die aus Angst nicht alleine aus dem Haus gehen konnte. Mit ihr hat die Ärztin zunächst besprochen, wie sie sich ihr Leben ohne diese Einschränkung vorstelle. Nicht jeder wolle gleich weite Reisen unternehmen, sagt Kühne-Burk. Entscheidend sei der Leidensdruck und was jemand konkret erreichen wolle. Dieser Frau habe es genügt, endlich alleine einkaufen und in der Nähe spazierengehen zu können. Das habe sie nach 14 Sitzungen auch geschafft. In Trance würden solche Verhaltensweisen bildhaft vorweggenommen, das Repertoire für die Freizeitgestaltung werde erweitert. "Man nennt das auch Probehandeln", sagt Kühne-Burk.

          Einen Einblick in die Technik der klinischen Hypnose gewährt Hübner heute, am "Tag der Hypnose", den die Deutsche Gesellschaft für Hypnose, die Deutsche Gesellschaft für zahnärztliche Hypnose sowie die Milton-Erickson-Gesellschaft für klinische Hypnose bundesweit ausrichten. Hübner referiert an diesem Tag um 19.30 Uhr im Konzertsaal der Trinkkuranlage des Staatsbades Bad Nauheim über Möglichkeiten, Grenzen und Technik der Hypnose. Die privaten Krankenkassen kommen in der Regel für die Hypnose als Teil der Verhaltenstherapie auf. Wer gesetzlich versichert ist, muß die 100 bis 150 Euro pro Sitzung dagegen meist aus der eigenen Tasche zahlen.

          Wer läßt sich eigentlich hypnotisieren? In der Praxis von Kühne-Burk sitzen die unterschiedlichsten Menschen, zum Beispiel solche, die gerade eine seelische Krise durchleiden. Die Ärztin erinnert sich noch gut an eine Frau, die weinend in der Tür stand, nachdem der Ehemann sie verlassen hatte. In solchen Momenten stehe an erster Stelle, ein Gefühl von Schutz und Geborgenheit zu vermitteln, bevor die Aufmerksamkeit des Hilfesuchenden in Trance von dem schrecklichen Ereignis weg und hin zu einer erträglicheren Vorstellung gelenkt werde, etwa durch die Frage: "Wo fühlen Sie sich besonders wohl?" oder "Welche Freundinnen stehen zu Ihnen?" Oft neigten die Patienten nach einem schlimmen Erlebnis dazu, sich weitere Katastrophen auszumalen, etwa: der Vermieter werde kündigen, das Sozialamt die Kinder wegnehmen. Dem müsse Einhalt geboten werden: "Langsam, jetzt passiert erst einmal gar nichts." Damit ein am Boden zerstörter Mensch sich erholen und wieder Kraft sammeln könne, müsse man ihm im größten Chaos eine "Zeitinsel der Ruhe" bieten, sagt Kühne-Burk. Langfristig gehe es dann um Trauerbewältigung und Abschied. "Hypnose spricht die Selbstheilungskräfte an."

          Auch Männer lassen sich hypnotisieren. Einem Boxer zum Beispiel, der nicht nur im Ring zuschlug, hatte seine Neigung zur Gewalt bereits eine Menge Ärger eingebracht. Dieser von seinem Naturell her eigentlich geduldige Mensch konnte sich einfach nicht rechtzeitig abgrenzen oder auch einmal nein sagen. Irgendwann wurde ihm dann alles zuviel, und er explodierte förmlich. In den Sitzungen habe er gelernt, sein Ventil rechtzeitig zu öffnen und "Dampf abzulassen", berichtet Kühne-Burk. Die 50 Minuten dauernde Hypnosesitzung wird auf Wunsch von einer Kamera aufgezeichnet. "Damit niemand Sorge haben muß, es sei etwas gegen seinen Willen geschehen oder er müsse sich für etwas schämen", sagt Kühne-Burk.

          Umstritten ist in der neuen Literatur, ob es überhaupt Gegenanzeigen für den Einsatz der Hypnose gibt. Gleichwohl wird das Verfahren bei einigen Erkrankungen nicht angewandt, darunter zum Beispiel Psychosen oder Depressionen, die mit Selbstmordgefahr einhergehen. Auch bei ohnehin meist innerhalb von einer Woche abklingenden Infektionskrankheiten sei Hypnose nicht sinnvoll, erklärt Kühne-Burk. Und niemand käme auf die Idee, einem Beinbruch auf diese Weise behandeln zu wollen. In einigen Fällen lasse sich mit Hypnose zwar keine Heilung erzielen, wohl aber eine Linderung, zum Beispiel bei der multiplen Sklerose. brigitte roth

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