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Neues Frankfurt : „Wir brauchen Kampfgeist und klare Ideen“

Wie wollen wir leben? Frankfurts Kulturdezernentin Hartwig und Planungsdezernent Josef im Gespräch. Bild: Frank Röth

Das Neue Frankfurt setzte Maßstäbe, was die Effizienz, aber auch die Qualität des Bauens anbelangt. Die Stadträte für Planen und Kultur wollen daran anknüpfen.

          In diesem Jahr feiert das Bauhaus seinen hundertsten Geburtstag. Und 2025 ist es hundert Jahre her, dass Ernst May, der Erfinder des Neuen Frankfurts, sein Amt als Stadtbaurat antrat. Ist das Neue Frankfurt nur ein Ableger des Bauhauses oder eine eigenständige Bewegung?

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mike Josef: Das Bauhaus hat einen Schwerpunkt auf Gestaltung und Architektur gelegt. Das Neue Frankfurt steht stärker in der Tradition eines Stadtentwicklungsprogramms mit sozialen Zielen. May wollte breite Schichten mit Wohnraum versorgen und auch die dafür nötige Infrastruktur schaffen. Das Neue Frankfurt wird oft reduziert auf den Wohnungsbau. Aber es sind auch Schulen, Parks und neue Straßenbahnlinien entstanden. Das Neue Frankfurt war nicht nur ein bauliches, sondern auch ein kulturelles Modernisierungsprogramm.

          Ist Frankfurt ein Trittbrettfahrer der Bauhaus-Welle?

          Ina Hartwig: Ganz gewiss nicht. Es gibt natürlich Zusammenhänge, beide Bewegungen haben sich befruchtet. Das Bauhaus war eine größere, gesamtgesellschaftliche Bewegung mit ganzheitlichem Ansatz. Es hat im Unterschied zum Neuen Frankfurt auch nicht das Schicksal erlitten, zeitweise vergessen zu sein. Das Bauhaus betrachte ich als eine historische Hintergrundmelodie, in der viele Dinge verhandelt wurden. Das Neue Frankfurt war ein viel pragmatischeres Projekt.

          Das Bauhaus kennt heute jeder. Aber das Neue Frankfurt muss man den Leuten erklären. War es ein Versäumnis der Stadtväter, das Neue Frankfurt nicht breiter aufgestellt zu haben? Wieso wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht an diese Epoche angeknüpft?

          IH: Nach dem Zweiten Weltkrieg war eine Tradition zerstört worden, auch mental. Während Gropius und Mies van der Rohe das Bauhaus im amerikanischen Exil erst richtig bekannt machten, arbeitete der ebenfalls emigrierte Ernst May in Ostafrika als Privatarchitekt. Das Neue Frankfurt hatte nach 1933 also keine prominenten Fürsprecher mehr. Es ist eine Chance des Bauhaus-Jubiläums, dass man sich heute wieder auf architektonische Traditionsschichten besinnen kann, die in Vergessenheit geraten sind. Damals wurden essentielle Fragen gestellt: Wie will man leben? Wie kann man mit wenig Raum gut umgehen? Für wen bauen wir Wohnungen, und wie sollen sie gestaltet sein? Wie geht man mit Grünräumen um? Das sind Fragen, die auch heute wieder gestellt werden.

          MJ: Es ist faszinierend, mit wie vielen Themen von damals wir auch heute noch konfrontiert sind. Allein die Bodenfrage: Wie gehen wir mit Grund und Boden richtig und verantwortungsbewusst um, um städtebauliche Ziele zu ermöglichen? Das war damals, und das ist auch heute aktuell.

          Aber die Lebensentwürfe sind heute doch viel unterschiedlicher als damals. May und Martin Elsaesser trafen mit ihrem Wohnbau-Programm geschlossene Milieus mit klaren Familienmodellen. Glauben Sie, dass man so ein Modell eines neuen Neuen Frankfurts auf die heutige Gesellschaft übertragen kann?

          IH: Eigentlich ja. Zumindest kann man in die Richtung denken. Die Frage ist: Können wir den gesellschaftlichen Konsens darüber, was eine gute Stadtentwicklung ist, heute wieder herstellen? Für mich zeichnet sich das Neue Frankfurt durch eine sehr qualitätvolle Bescheidenheit aus. Ich frage mich: Kann man heute darauf zurückgreifen? Der Boom der Städte revidiert die Frage nach dem Platzanspruch des Einzelnen. Die Wohnungen, die im Neuen Frankfurt gebaut wurden, sind eher bescheiden dimensioniert; durch die kluge Planung und optimale Raumausnutzung wirken sie dennoch nicht beengt. Vielleicht gibt es da auch einen Lernprozess.

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