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Neues Frankfurt : „Wir brauchen Kampfgeist und klare Ideen“

Bei den Zielen des Neuen Frankfurts und der heutigen SPD-Programmatik scheint es große Schnittmengen zu geben.

IH: Es gibt viele sozialdemokratische Aspekte, die wir unterstützen. Aber es geht weit darüber hinaus. Die Formen, die das Bauhaus und das Neue Frankfurt hervorgebracht haben, werden heute bis weit in bürgerliche Kreise geschätzt. Diese Bewegungen haben eine viel größere Dimension angenommen.

May setzte auf eine serielle Bauweise, damit das Wohnen bezahlbar bleibt. Heute ist es wegen der überregulierten Bauordnung doch gar nicht mehr möglich, preiswert zu bauen.

MJ: May hat gezeigt, dass man seriell bauen und trotzdem einem hohen architektonischen Anspruch gerecht werden kann, der über lange Zeit angenommen wird. Preiswertes Bauen und gute Architektur müssen kein Widerspruch sein. Das zeigen wir unter anderem mit dem Wettbewerb „Wohnen für Alle: Neues Frankfurt“. Die Preisträger werden ab April 2019 im Deutschen Architekturmuseum ausgestellt.

In den zwanziger Jahren wurde auch der Gedanke der Volksbildung großgeschrieben. Kann man daran anknüpfen? Heute hat man den Eindruck, dass viele Leute gute von schlechten Häusern gar nicht mehr unterscheiden können.

MJ: Wir veröffentlichen gemeinsam mit dem Städtebaubeirat einen Leitfaden zu guter Architektur und gutem Städtebau. Die Marktlage ist heute ein Teil des Problems: Heute kriegt man fast alles verkauft, fast zu jedem Preis. Wir können vom Neuen Frankfurt lernen, eine Qualität zu schaffen, die sich auch in achtzig, hundert Jahren noch sehen lassen kann.

IH: Das Interesse an Architektur und Architekturgeschichte hat zugenommen. Da sehe ich eine deutliche Tendenz. Architektur ist fast zu einer Art Leitwissenschaft geworden. In der Wohnungsfrage fokussieren sich alle gesellschaftlich relevanten Probleme. Deshalb ist das Interesse daran so groß. Das ist begrüßenswert.

MJ: Die kritischen Kontroversen über das Europaviertel, den Riedberg und die Altstadt zeigen, dass es heute eine starke Beteiligung der Bevölkerung an städtebaulichen Debatten gibt. Das ist positiv. Mit den Ausstellungen in den Museen und mit dem Forum Neues Frankfurt wollen wir die Debattenkultur stärken.

IH: Die Rekonstruktion der Altstadt zeigt: Das Interesse für die historischen baulichen Schichten der Stadt wächst. Das wird beim Neuen Frankfurt genauso sein. Auch hier kann ein Interesse für dieses Kapitel der Frankfurter Geschichte geweckt werden. An der Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky hängen zum Beispiel großartige Fragen: Wie lassen sich technische Abläufe modernisieren, der Haushalt so effizient und zeitsparend wie möglich gestalten? Was macht eine Hausfrau, wenn sie keine Magd mehr hat? Was ist das für ein Bild der sich modernisierenden Familie?

Frankfurt wird in Sonntagsreden immer als Finanzmetropole bezeichnet, aber nie als die Stadt des Neuen Bauens. Wäre das nicht einmal ein Slogan?

MJ: Durchaus! Frankfurt ist mehr als die Finanzmetropole. Von Frankfurt sind oft neue Entwicklungen ausgegangen, die sich dann bundesweit etabliert haben. Das Neue Frankfurt, unsere einmalige Skyline und die Altstadt sind sehr unterschiedliche städtebauliche Ansätze, konzentriert in unserer Stadt. Das ist ein Frankfurter Alleinstellungsmerkmal.

IH: Es ist kein Zufall, dass sich ein Projekt wie das Neue Frankfurt gerade hier so erfolgreich entfalten konnte. Die demokratische Aufbruchsstimmung der Weimarer Republik passte ideal zu den Traditionen der Stadt. Frankfurts modernes Kulturerbe verpflichtet – auch über das Bauhausjubiläum hinaus.

Die Fragen stellten Matthias Alexander und Rainer Schulze.

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