https://www.faz.net/-gzg-9klic

Neues Frankfurt : „Wir brauchen Kampfgeist und klare Ideen“

Die May-Siedlungen haben eine klare städtebauliche Figur und zeichnen sich durch einen hohen Gestaltungsanspruch aus. Sind auch heutzutage klare Gestaltungsregeln nötig, damit neue Stadtteile eine hohe Qualität erreichen?

MJ: Man kann vom Neuen Frankfurt lernen, dass die Stadt bei der Stadtplanung als aktiver Akteur auftreten muss und nicht als Dienstleister. Das ist eine Frage des Rollenverständnisses. Die Stadt sollte eine klare Idee von Architektur und Stadtplanung haben und sie mit den Mitteln der öffentlichen Hand durchsetzen. Um bezahlbaren Wohnraum zu entwickeln, für Funktionsmischung gerade im Erdgeschoss zu sorgen und attraktive öffentliche Plätze und Parks zu schaffen, braucht es klare Vorgaben der Stadt. Wer Verantwortung tragen will, muss auch bereit sein, sie zu übernehmen. Das war meines Erachtens auch das Selbstverständnis von Ernst May.

Verträgt die Baukultur denn strenge Vorgaben?

IH: Was mich am Neuen Frankfurt fasziniert, ist der Ansatz einer aufbrechenden Gesellschaft. Damals war alles neu, man konnte vieles neu erfinden und in Frage stellen und reformieren. Es gab damals weniger Vorgaben. Die Großmarkthalle konnte innerhalb von zwei Jahren gebaut werden, das ist aus heutiger Sicht unglaublich. Die Schnelligkeit und Effizienz des Neuen Frankfurts bleiben ein Faszinosum.

Die prägenden Architekten damals waren städtische Mitarbeiter. Sie haben innerhalb von fünf Jahren zahlreiche Siedlungen entworfen. Warum ist die Stadtplanung heute so ein zähes Geschäft?

MJ: Ernst May hat durchregiert. Das Bedürfnis nach Mitbestimmung und einer demokratischen Planungskultur ist heute stärker. Das ist gut so, denn durch Beteiligung kann Planung auch besser werden. Natürlich können wir effizienter werden, gerade was die Abstimmung zwischen den verschiedenen Ebenen Bund, Land, Kommune, zwischen den Dezernaten und Ämtern betrifft. Das Planungsdezernat und das Stadtplanungsamt haben den Anspruch, eine aktive und koordinierende Rolle bei der Entwicklung der Stadt zu spielen, das gilt insbesondere für die sozialen, infrastrukturellen und gestalterischen Ziele. Am Ende braucht es aber auch den klaren politischen Willen, die Stadt zu gestalten und Entscheidungen zu treffen.

Man braucht also eine starke Verwaltung, die über politische Wechsel hinweg eine Linie durchzieht?

MJ: Es geht darum, eine Haltung zu entwickeln. Entscheidungen treffen, Vorgaben machen. Nicht nur Dienstleister sein. Dazu braucht es Kampfgeist, Geduld, eine klare Idee und Standfestigkeit. Im Übrigen waren viele Dinge, die wir heute als gelungen betrachten, damals auch umstritten. Das ist bei progressiven Ansätzen häufig so.

IH: Dem Bauhaus ist viel Widerstand entgegengebracht worden. Die Bewegung, die wir als ganzheitlich wahrnehmen, hatte von Anfang an auch harte Gegner. Das, was wir heute als Konsens wahrnehmen, hat es so natürlich damals nicht gegeben.

Den Konsens über gestalterische Fragen kann man überprüfen, indem man den Umgang mit der denkmalgeschützten Bausubstanz betrachtet. Die Leute haben angefangen, die Siedlungen des Neuen Frankfurts umzubauen. Wären Sie dafür, gegen den Willen der Mieter die schöne Einheitlichkeit wiederherzustellen?

MJ: Wir haben beim Bund Fördergeld beantragt, um die baukulturelle Substanz der Siedlungen wiederherzustellen. Wir fangen mit den großen Siedlungen an, die der ABG Frankfurt Holding und der Nassauischen Heimstätte gehören, wollen aber auch mit den Einzeleigentümern ins Gespräch kommen und Anreize zur denkmalverträglichen Instandsetzung geben.

Weitere Themen

Masse

Datenströme der digitalen Welt : Masse

In seiner Arbeit „Masse“ setzt sich der Fotograf Michael Gessner mit der Fragestellung auseinander, wie sich der Begriff der Masse im digitalen Zeitalter darstellt und welche Formen dieser in Bezug auf Datenerhebung und Datenverarbeitung annimmt.

Topmeldungen

Die Pläne der Senderführung beim HR sind ein Misstrauensvotum gegen die eigenen Mitarbeiter.

Kurs des Hessischen Rundfunks : Weniger Kultur wagen?

Beim Hessischen Rundfunk soll das Radio-Kulturprogramm hr2 nach dem Willen der Senderführung verschwinden. Die Argumentation für diesen Schritt ist typisch. Sie zeugt von Verachtung – für die Kultur, die Mitarbeiter und die Beitragszahler.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.