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Thomas Gsella : Humorist und Moralist

  • -Aktualisiert am

Pause im Garten: Thomas Gsella muss pro Woche zwei Gedichte schreiben. Davon und dafür lebt er. Bild: Sandra Schildwächter

Thomas Gsella lebt vom Dichten. Er empört sich in Reimen. Lehrer ist er nicht geworden, aber einen pädagogischen Hang zur Weltverbesserung hat er noch immer.

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          Wenn die Hotels auf den Anmeldeformularen noch nach dem Beruf fragten, würde Thomas Gsella „Dichter“ eintragen. „Lyriker“ klänge natürlich feiner. Aber der Zweiundsechzigjährige schreibt keine Gedichte, die in feinen Verlagen erscheinen, in entlegenen Zeitschriften gelobt werden und dann minimale Auflagen erzielen. Aus seiner Versfabrik stammt Gereimtes, das nicht erst interpretiert werden muss, ehe man es versteht. Gsella erreicht im „Stern“, in Büchern und im Internet ein größeres Publikum. Der Mann aus Essen, der längst in Aschaffenburg heimisch wurde, erweist sich dabei immer wieder zuverlässig als Könner. Robert Gernhardt hat dafür die gültige Formulierung gefunden: „Längst ist er kein Gsella mehr, schon seit langem darf er sich Meista nennen.“

          Über Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, Pit Knorr, Bernd Eilert, F.W. Bernstein und weitere Großmeister der komischen Textform sagt Gsella: „Ich hab sie alle verehrt und verehre sie immer noch.“ Zu seinen schönen Erinnerungen zählt, wie er mit Gernhardt Arm in Arm, heillos betrunken und glücklich durch die Dünen bei Cuxhaven stolperte. Das war, nachdem ihm der 2006 gestorbene Dichter, Zeichner und Autor den Ringelnatz-Nachwuchspreis 2004 zuerkannt hatte. Da war Gsella immerhin schon 46 Jahre alt. Sein Weg bis dahin verlief völlig ungeplant.

          Eigentlich wollte er Lehrer werden. Wenn das die Leserbriefschreiber geahnt hätten, die der „Süddeutschen Zeitung“ wütende Zuschriften schickten. Gsella hatte im Magazin der Zeitung diverse Berufe in einer Serie von politisch voll unkorrekten Reimgedichten beschrieben, die ihre Komik aus der Verwendung drastischer, aber gängiger Vorurteile bezogen. Die Berufsbezeichnungen in Form von drei Vierzeilern mit Kreuzreimen standen dabei in jenem verallgemeinernden Singular, mit dem frühere Generationen über „den Russen“ oder „den Italiener“ urteilten. So hieß es über „den“ Lehrer: „Bis vier fläzt er im Kanapee/ mit Sekt und Stör und Brötchen./Dann nimmt er’s Taxi hin zum See,/dort steht sein Segelbötchen.“

          Empöhrung auch bei den Zahnärzten

          Ähnliche Empörung wie bei den Pädagogen war auch bei den Zahnärzten zu registrieren, denen Gsella besonders unverfroren auf den Zahn fühlte: „Er bohrt hinein mit solcher Wut,/da bleibt uns nur das Beten./Der Zahnarzt ist ein Tunichtgut / mit viel zu viel Moneten.“

          Lehrer ist Gsella nicht geworden, weil er stotterte und sich nicht dem Schülerspott aussetzen wollte. Das Erste Staatsexamen brachte er aber zu Ende mit einer Arbeit über Rilke. Dabei ist er, was die formale Seite seiner eigenen Gedichte betrifft, kein Feinschmecker. Er kann gar nicht sagen, in welchem Versmaß er bevorzugt dichtet und hält – „äh, wie war das noch mal?“ – Trochäus und Daktylus nicht auseinander. Was aber nicht schlimm ist, weil seine Gedichte wunderbar melodisch sind. Jenes Holpern und Stolpern, das im Freundeskreis vorgetragene Laienverse oft so dermaßen schmerzlich und peinlich macht, kommt bei Gsella nicht vor. Sieht man, etwa jede Woche im „Stern“, ein Gedicht mit seinem Namenszug, kann man als Leser gewiss sein, dass der Rhythmus die Präzision eines Metronoms trifft.

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