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Thomas Gsella : Humorist und Moralist

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Nach dem Abschied vom „endgültigen Satiremagazin“ (Eigenwerbung) nach 16 Jahren musste Gsella zunächst einmal die üblichen Existenzsorgen des Freischaffenden überwinden, es lief dann aber doch ganz gut. Zumal seit Jahren vom „Stern“ und vom Schweizer „Magazin“ regelmäßige Honorare fließen. Gsella findet diese materielle Ausgangsposition „sehr, sehr komfortabel“. Wobei allerdings die Illustrierte aus Hamburg nach einem Wechsel in der Chefredaktion schon einmal die Zusammenarbeit beendet hatte. Als aber gleich zwei Prominente, die von dem Blatt zu einer Heftkritik eingeladen waren, das Fehlen der Gsella-Verse monierten, wurde der Vertrag erneuert.

Wie kommt der 1958 in Essen geborene Gsella auf die Ideen für seine Verse? Bedeutet der Umstand, dass er Woche für Woche zwei Gedichte zu liefern hat, davon das für den „Stern“ möglichst mit aktuellem Bezug, Stress oder Druck? „Gar nicht“, sagt er, „dass mir mal nichts einfällt, ist ganz selten.“ Wie bei so vielen Schreibern liegt das Geheimnis des Erfolgs in der Kontinuität. Gsella steht gegen Viertel nach acht auf und sitzt dann mit etwa drei Stunden Unterbrechung für Kochen, Einkaufen oder Spazierengehen von 9 bis 23 Uhr am Schreibtisch. Auf das jahrzehntelange Verharren vor dem Computer reagiert sein Körper mit Spannungskopfschmerz. Auf Fernsehen verzichtet er beinahe komplett. Inspirationsquellen sind das Internet und die sozialen Netzwerke, in denen auch viele seiner Freunde etwas veröffentlichen. Die Nachrichtenlage ergibt häufig etwas, über das er sich verwundern, freuen oder richtig aufregen kann – „vor allem, seit so viele neue Idioten und Verbrecher weltweit an der Macht sind“.

Dichterische Reaktionen auf die Pandemie

Empörung? Aber ja. Natürlich ist Gsella wie die meisten Humoristen, zu denen hier sogenannte Comedians nicht gezählt werden, ein Moralist. Einer, dessen Herz links schlägt und manchmal zu etwas holzschnittartigen Verdikten neigt. Der sagt: „Man stößt ja permanent auf Grausamkeit, auf Unmenschlichkeit.“ Aber einer, dem der Empörungs-Gestus nicht zur Routine wird, sondern einem echten Gefühl sprachlich Ausdruck verleiht. Wie in seinem Gedicht „Corona-Lehre“. Die ersten Zeilen beschreiben, was die Welt alles schafft gegen die Seuche: „Forscher forschen, Gelder fließen.“ Also will die Welt etwas tun gegen die Pandemie. Im Umkehrschluss benennt der Autor, was sie nicht bekämpfen will: „Also will sie nicht beenden/ Das Krepieren in den Kriegen,/Das Verrecken vor den Stränden / Und dass Kinder schreiend liegen / In den Zelten, zitternd, nass. / Also will sie. Alles das.“

Mit diesen Zeilen hat Gsella einen Nerv getroffen. Die Sängerin Lotte teilte das Gedicht bei Instagram, es folgten Jan Böhmermann und andere bei Facebook, es hagelte Likes und Zuschriften, Radiosender wollten Interviews. Von solchem Zuspruch kann Gsella bei der persönlichen Begegnung mit Publikum, also bei Lesungen, nur träumen. Tritt er mit seinen Gedichten in einem Soloprogramm auf, kommen 40 bis 80 Leute. Sein Agent sagt, es würden kaum noch Künstler gebucht, die nicht aus dem Fernsehen bekannt seien.

Aber auch das ficht ihn nicht an. Gsella will weitermachen, er setzt sich nach wie vor gern vor seinen Computer. Er will sich weiter empören, sich überraschen lassen von den eigenen Einfällen, Ideen ausbrüten für neue Bücher. Und sich weiter einen Reim machen auf diese Welt.

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