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Editionsprojekt : Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding

Heimarbeit: Hugo von Hofmannsthal im Salon seines Hauses in Rodaun bei Wien Bild: Freies Deutsches Hochstift

Rund 1100 Werken und Werkplänen, heckte Hugo von Hofmannsthal im Laufe seines Lebens aus. Nach 55 Jahren erscheint in Frankfurt der letzte Band der ihm gewidmeten Kritischen Ausgabe sämtlicher Werke

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          Die Marschallin weiß genau, was zu tun ist. „Manchmal steh ich auf, mitten in der Nacht, und lass die Uhren alle stehen“, vertraut sie Octavian an. Die erfahrene Frau mit dem jüngeren Freund hat etwas gegen das Verrinnen der Zeit, das unaufhaltsam dazu führt, dass man nichts halten kann, alles zerrinnt und vergeht. Was sie wohl von den 55 Jahren halten würde, die in Frankfurt rund um das Goethehaus in die Arbeit am Schaffen des Mannes geflossen sind, der sie erfunden hat?

          Florian Balke
          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dort hat man die Zeit nicht angehalten, wie die sonst so verlässlich tapfere Marschallin es mit ihrem selbstbetrügerischen kleinen Uhrentrick tut, sondern wirklich etwas festgehalten und gegen das Vergehen der Zeit gesichert, das nun für viele zukünftige Generationen mustergültig erschlossen und zugänglich ist.

          Und natürlich ist auch Hugo von Hofmannsthals Textbuch zum „Rosenkavalier“ von Richard Strauss in die Kritische Ausgabe sämtlicher Werke des österreichischen Dichters eingeflossen, die am 23. Februar mit dem Erscheinen des letzten Bandes an ihr Ende kommt. Nach mehr als fünf Jahrzehnten, in denen S. Fischer, Hofmannsthals Verlag schon zu Lebzeiten, und das Freie Deutsche Hochstift als Hüter des Nachlasses immer wieder neue Ecken eines Œuvres erschlossen haben, die bis dahin kein Leser kannte.

          „Hofmannsthal ist kein Autor, den man einfach so lesen kann“

          40 Bände, 28.550 Seiten, 1100 Werke und Werkpläne – da sind die 32 Mitarbeiter, die seit den späten Sechzigerjahren an der Edition beteiligt waren, noch die am leichtesten fassbare Zahl. Los ging es am Großen Hirschgraben nach offizieller Zählung 1967. Von diesem Jahr an besaß die Edition in den Räumen des Hochstifts eine feste Arbeitsstelle mit ordentlicher finanzieller und personeller Ausstattung. Die Arbeit an der kaum überschaubaren Aufgabe, den frühreifen jungen Erfolgsdichter, den Autor des „Jedermann“ und den Librettisten von Strauss in vielen weiteren Erscheinungsformen vor den Leser treten zu lassen, konnte beginnen.

          „Dies ist Dein kleines Buch, das gehört nur Dir“: So widmet Hofmannsthal seiner späteren Frau Gerty ein Notizbuch mit Gedichten. Jetzt gibt es 40 Bände Werkausgabe, die allen gehören.
          „Dies ist Dein kleines Buch, das gehört nur Dir“: So widmet Hofmannsthal seiner späteren Frau Gerty ein Notizbuch mit Gedichten. Jetzt gibt es 40 Bände Werkausgabe, die allen gehören. : Bild: Freies Deutsches Hochstift

          „Hofmannsthal ist kein Autor, den man einfach so lesen kann“, sagt Konrad Heumann, der die Handschriftenabteilung des Hochstifts leitet. Anders als zahlreiche andere Schriftsteller sei er mit der Lektüre der sechs wichtigsten Romane nicht überschaut. Und das nicht nur, weil es von ihm nur einen einzigen, unvollendeten und erst nach seinem Tod erschienenen Roman gibt, sondern auch, weil bei ihm die Vielfalt der Formen mit der Vielfalt der Inhalte Hand in Hand geht. Erzählungen, Dramen, Libretti, Zeitschriftenartikel, Briefe, Notizen, das meiste davon zu Lebzeiten nicht publiziert, zudem alles miteinander gedanklich eng verwoben. „Ein Ding wächst so leicht ins andere“, heißt es in „Ariadne auf Naxos“. Was gegen die Vergänglichkeit auch nichts ausrichtet und der Veröffentlichung schon gar nicht zuträglich ist. Hinzu kamen zwölf Jahre Nationalsozialismus. „Nach dem Zweiten Weltkrieg musste man Hardcore-Philologe sein, um zu wissen, was er eigentlich geschrieben hatte“, sagt Heumann.

          Doch wieso machten sich die Hardcore-Philologen ausgerechnet in Frankfurt an die Arbeit, Hofmannsthal für deutschsprachige Leser neu zu finden? „Uns geht es sehr gut. Wir sind am Sonntag früh in Rodaun“, schreibt Hofmannsthal am 8. Dezember 1904 aus Frankfurt, auf der Bildseite einer Postkarte an Verwandte in Wien, die rund um seine Schriftzüge den Gerechtigkeitsbrunnen und dahinter die Römerberg-Ostzeile zeigt. Er ahnt nicht, dass die Stadt einmal große Teile seiner Manuskripte beherbergen wird.

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