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Hühnerhof in Seligenstadt : Mietvertrag mit Huhn

Leiharbeiter: Karin Ehmann (Mite), Leana (links) und Malea besuchen die Hühner auf dem Seligenstädter Hof. Bild: Rainer Wohlfahrt

Ein Hühnerhof im hessischen Seligenstadt verleiht Hennen an Privatleute. Die Mieter können so für ein paar Wochen Landleben im eigenen Garten testen. Der Andrang ist groß.

          Mit dem Loslassen ist es so eine Sache. Wenn Michael Lüft seine Hühner „auf Reisen gehen“ lässt, wie er sagt, gibt er die Verantwortung ab. Dann kann es vorkommen, dass jemand am Sonntagabend anruft und ihm berichtet, wie er die Tiere beim Scharren unter dem Zaun einer Frankfurter Kita und beim Gackernd-auf-die-Straße-Laufen beobachtet. Lüft will in solchen Momenten am liebsten ins Auto springen und 30 Kilometer fahren, um die Hühner vor den Gefahren der Großstadt zu retten. Doch so gut wie immer passiert den Tieren auch ohne ihn nichts.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Hühnerhof Lüft, ein langgezogenes, schmales Grundstück, auf dem Kiefern wachsen, liegt am südlichen Rand von Seligenstadt neben einer Kleingartenanlage. Er sieht aus wie ein Ort, an dem einmal klein angefangen wurde. Etwa die Hälfte des Grundstücks nimmt das Gehege ein, in dem Michael Lüft zwischen hohen Gräsern weiße und braune Hühner laufen lässt, insgesamt sind es 349. Die weißen legen mehr Eier, dafür sind sie scheuer. Die braunen lassen sich leichter zähmen.

          Seltsam geformte Eier

          Mit den Hühnern läuft es gut. Besser, als Lüft dachte, bevor er vor vier Jahren mit dem Projekt „Rent a Huhn“ anfing. Die Terminliste, die der Fünfzigjährige mit sich herumträgt, ist voll, sein Bruder hat ihn vor kurzem beim Urlaub in Norddeutschland in einer Lokalzeitung entdeckt, und zuweilen kommt auch das Fernsehen vorbei. Es läuft so gut, weil Lüft eine Idee hatte, die den Zeitgeist traf. Er züchtet Rhodeländer, eine Hühnerrasse, die sehr zutraulich ist, und verleiht sie an Familien, Rentner, Kindergärten, Altenheime. Dort unterhalten sie die Übergangsbesitzer und versorgen sie mit Eiern. Nach zwei bis sechs Wochen werden sie zurückgegeben. Ein bisschen Landleben für daheim, ein bisschen Verantwortung, unkompliziert und überschaubar.

          An einem Samstagmittag steht Michael Lüft, ein freundlicher Mann mit Brille und Schirmkappe, inmitten seiner Immobilien und instruiert die Mieter. 58 Ställe sind es insgesamt, Lüft hat sie alle selbst angefertigt: weiße Häuschen mit rotem Dach, kleine Holzvillen – seinen Mietpark nennt er das. Eine Familie aus Kahl bringt gerade fünf Hühner zurück. Während der vergangenen Wochen haben die beiden Töchter getestet, ob ein Hühnerstall den Garten bereichert. Antwort: vielleicht.

          Die beiden Töchter berichten von seltsam geformten Eiern, die Eltern vom frühen Aufstehen, und Lüft erklärt, dass Eier in der Natur eben nicht nur Größe M und Größe L haben. 130 Euro hat die Familie für die zwei Wochen gezahlt, Futter und Zaun inklusive. Vielleicht ließe es sich längerfristig mit eigenen Exemplaren derselben zutraulichen Rasse versuchen? „Machen sie das“, sagt Lüft. „Aber so zahm sind die dann natürlich nicht.“

          Schwungfedern leicht gekürzt

          2012 kündigte Lüft seinen Job als Schornsteinfeger und übernahm von seinem Bruder fünf Hühner. Als die Nachbarschaft erfuhr, dass es am Rödchesweg jeden Tag frische Eier gab, warteten die Kleingärtner am Wochenende vor dem Zaun, bis Lüft einen Hofladen aufmachte. Und als 2013 ein kleiner Junge vorbeischaute, der zum ersten Mal Hühner sah, brachte er der Familie kurzerhand fünf Tiere zum Kennenlernen vorbei. Inzwischen ist die Vermietung der Hauptjob geworden, der Hofladen hat nur noch zweimal in der Woche geöffnet, eine Angestellte kümmert sich darum. Die Anfragen für „Rent a Huhn“ kommen vom Bodensee, aus Trier und aus Berlin, Lüft liefert auch aus, 275 Hühner sind im Schnitt unterwegs. Immer zu fünft. Damit es ihnen gutgeht, müssen sie sich als Herde fühlen.

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