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Hühnerhof in Seligenstadt : Mietvertrag mit Huhn

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Trotzdem bekommt Lüft Hassmails vom Tierschützern: weil die Hühner so viel transportiert werden, weil sie sich ständig an eine neue Umgebung gewöhnen müssen und weil sie wegen der vielen Kinder wenig Ruhe haben. Deshalb erläutert Lüft jedem, der sich für das Mieten interessiert, wie er die Tiere ein Jahr lang vorbereitet, bevor sie auf Reisen gehen können. „Erst stelle ich einen ausgemusterten Stall ins Gehege, damit sie sich an ihn gewöhnen können“, sagt er. „Dann mache ich sie nach und nach handzahm.“

Schlauer Bauer: Vor vier Jahren begann Michael Lüft das Projekt „Rent a Huhn“.

Hühner sind Fluchttiere, aber Lüfts Hennen lassen sich, ohne zu zucken, in den Arm nehmen. Auf einer Seite sind ihre Schwungfedern leicht gekürzt, damit sie nicht über einen Zaun flattern können. „Wenn eine keine Lust mehr hat, wehrt sie sich schon“, sagt der Hühnerfachmann. Hennen in Bodenhaltung werden nach seinen Worten auf einer Fläche derselben Größe gehalten, die seine Ställe auch haben – und zwar dauerhaft.

Zwei Vorfälle mit Wildtieren

Eine von Lüfts Regeln lautet, dass die Mieter die Hühner jeden Morgen bis spätestens sechs Uhr aus dem Haus gelassen haben müssen. Zu den Regeln zählt auch, dass jeder, der Hühner mieten will, über mindestens 20 Quadratmeter unbefestigten Boden verfügen muss. Außerdem ist zusätzlich zum Futter einmal in der Woche ein wenig Knoblauch zu verfüttern – als natürliches Antibiotikum. Wenn die Mieter die Tiere abholen, kann Lüft nicht sicher sein, ob sie sich an die Regeln halten. „Aber ich sehe doch, was das für Leute sind.“ Wenn eine Familie auf den Hof komme, deren Kinder laut und ungestüm seien, lehne er den Auftrag manchmal auch ab, sagt Lüft. Und wenn sie falsch gefüttert würden, legten die gestressten Hühner keine Eier mehr. Wenn es ihnen also nicht gut ergangen sei, merke er das.

Als der Wochenendtrubel am Rödchesweg in Seligenstadt nachlässt und Michael Lüft durchatmet, kommt eine Nachzügler-Familie, die für einen Kindergarten in Darmstadt Hühner abholen will. Also erklärt er noch einmal in aller Ruhe, wie sich der Nistkasten einsetzen, der Plastikbehälter mit Wasser plazieren und der Stall abschließen lässt, damit die Hennen nachts vor Füchsen und Mardern sicher sind. Vor einem Jahr hat er einen Waschbären dabei beobachtet, wie er sich an einer Stalltür zu schaffen machte, und daraufhin das Schloss angepasst. Nach vier Jahren erinnert sich Lüft nur an zwei tödliche Vorfälle mit Wildtieren. Beide Male waren es Habichte, die Hühner im Gehege töteten. „Das ist eben die Natur“, sagt Lüft, sieht dabei aber so aus, als wollte er auch für dieses Problem bald Abhilfe schaffen.

Steile Karriere

Dann lockt er die Hühner mit Futter in den Stall und stellt sich mit einem Umzugskarton daneben. Einige Hennen nähern sich, wackeln mit dem Kopf, warten ab. Unter leisem Gackern hebt er eine nach der anderen hinein. „Die Hühner entscheiden sich selbst für die Reise.“

Bis Ende Oktober dauert die Mietsaison, danach hat der Hühnerhof Winterpause. Dann bessert Lüft Ställe aus, baut neue Unterkünfte und sorgt für seine Hennen. Manchmal wundert er sich immer noch über deren steile Karriere. Andererseits verhelfen sie den Menschen ja auch zu etwas. Und wenn es nur die Erkenntnis ist, dass zwei Wochen Landleben im eigenen Garten reichen.

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