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Tarifrunde : Manchmal mit Mühe am monatlichen Minus vorbei

Servierfertig: Die Gewerkschaft NGG plädiert für Mindestlohn von mehr als neun Euro. Bild: dpa

Die Tarifrunde für Hotellerie und Gaststätten läuft. Es geht nicht nur, aber vor allem um Entgelte. Beschäftigte geben Einblicke in ihre Finanzen.

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          Wenn der junge Mann seine Ausbildung als Hotelkaufmann in einem Wiesbadener Fünfsternehotel abgeschlossen haben wird, kann er mit gut 2.000 Euro brutto zum Einstieg rechnen. Im Moment muss er im zweiten Lehrjahr mit 600 Euro netto zurechtkommen. Hinzu kommen 188 Euro Kindergeld, das ihm seine Eltern weiterreichen. Dem stehen Ausgaben für die Miete von rund 350 Euro und noch einmal so viel für den Lebensunterhalt gegenüber. Die Kosten für Telefon und das Auto, das die in diesem Beruf geforderte Flexibilität oft erst ermöglicht, sind noch nicht eingerechnet. Hätte er nicht während seiner Tätigkeit als Rettungsassistent Geld beiseitegelegt, von dem er nun zuschießt, liefe er Monat für Monat ins Minus. Trotzdem macht ihm die Arbeit in der Hotellerie große Freude, wie er sagt.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Wie diesem Mann gehe es vielen Beschäftigten in der Branche, berichtete Peter-Martin Cox, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in der Region Rhein-Main, gestern im Frankfurter Gewerkschaftshaus. Andere Auszubildende der Hotellerie verdienten sich in Nebenjobs noch etwas hinzu, um über die Runden zu kommen. Und nicht wenige NGG-Mitglieder müssten aus ähnlichen Gründen in die Privatinsolvenz gehen. Das werde dann bei der Bitte offenbar, den Gewerkschaftsbeitrag zu senken.

          NGG will zwölf Stunden Schichten verhindern

          Um zu zeigen, dass nicht nur Auszubildende im teuren Ballungsraum Rhein-Main manchmal kaum zurechtkommen, sondern auch andere Beschäftigte, hatte Cox weitere Frauen und Männer aus dem Metier hinzugebeten. Beim Einblick in die private Kassenlage ging es ihm auch darum, die Forderung nach einem Entgeltaufschlag von ursprünglich sechs Prozent in der aktuellen Tarifrunde zu begründen. Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga war mit 1,8 Prozent in die Verhandlungen gegangen. Dass die Entgeltforderungen zu Beginn einer solchen Runde weit auseinander liegen, gehört zum Ritual, man wird sich am Ende irgendwo nahe der Mitte treffen. Was die Ausbildungsvergütungen betrifft, liegt vom Arbeitgeberverband Dehoga inzwischen ein Angebot mit Zuschlägen auf dem Tisch, nämlich plus 4,4 Prozent im ersten, 6,6 Prozent im zweiten und zwölf Prozent im dritten Lehrjahr, wie ein Sprecher gestern sagte.

          Verärgert sind die Gewerkschafter denn auch eher über die auf Bundesebene von den Arbeitgebern erhobene Forderung, Zwölf-Stunden-Schichten als Regelfall für die Beschäftigten zu etablieren. Das will die NGG verhindern.

          Nach elf Jahren noch immer beim Einstiegsgehalt

          Für Unmut bei den Angestellten sorgt auch, dass die Höhergruppierung entsprechend der Dienstjahre und der Qualifikation auch in manchem Spitzenhotel ausbleibt, wie eine 29 Jahre alte Hotelfachfrau berichtete. Sie arbeitet in einem Frankfurter Haus, hat die Ausbildung schon vor mehr als zehn Jahren abgeschlossen, wird aber nach eigenem Bekunden noch immer entlohnt, als ob sie Berufsanfängerin sei. Von den rund 2.000 Euro brutto bleiben ihr etwas mehr als 1.400 Euro netto, wie sie berichtete. Für den Lebensunterhalt und die Miete, sie wohnt in Frankfurt, muss sie monatlich 1.700 Euro aufwenden. Zudem investiert die junge Frau gut 350 Euro monatlich in die Altersvorsorge. Sie würde unweigerlich tief in die roten Zahlen rutschen, wenn sie nicht in der Bar des Hotels arbeiten würde: Ohne das Trinkgeld, das in sehr guten Monaten auch einmal 1.600 Euro betragen könne, käme sie nie über die Runden, sagte sie. In vielen anderen Funktionen in der Hotellerie gebe es heutzutage auch in Spitzenhäusern kaum oder gar kein Trinkgeld mehr.

          Dass die Frau nach elf Jahren noch immer das Einstiegsgehalt bekommt, ist möglich, weil der Tarifvertrag für das Hotel- und Gaststättengewerbe nicht für allgemeinverbindlich erklärt worden ist. Das kann das Bundessozialministerium in Absprache mit Arbeitgebervertretern und Gewerkschaften tun. Solange das nicht passiert, können Häuser ohne Verbandsmitgliedschaft so verfahren, aber auch Dehoga-Mitglieder ohne Tarifbindung. Die Arbeitgeberverbände bieten inzwischen auch diese Art der Mitgliedschaft an, um Unternehmen, die sich den Tarifabschlüssen nicht anschließen möchten, nicht ganz zu verlieren.

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