https://www.faz.net/-gzg-8f7ws

Holocaust-Überlebende : Die letzten Zeitzeugen

  • -Aktualisiert am

Trude Simonsohn während der Feier auf dem Westend-Campus, mit der sie für ihren großen Verdienste gewürdigt wurde Bild: Rafael Herlich

Irmgard Heydorn ist 100 Jahre alt geworden, Trude Simonsohn 95. Sie stehen nicht mehr als Zeitzeugen zur Verfügung. Wer wird nun an die NS-Zeit erinnern?

          4 Min.

          Aus dem Seminarraum 1.811 der Frankfurter Goethe-Universität auf dem Campus Westend ist am Karfreitag der „Trude Simonsohn-Saal“ geworden. Auf dem Türschild, das Universitätspräsidentin Birgitta Wolff der Zeitzeugin Simonsohn, die am Karfreitagmorgen die Glückwünsche der Landesregierung und vieler Freunde zu ihrem 95. Geburtstag entgegennahm, überreichte, ist zu lesen: „Trude Simonsohn: Überlebende des Holocausts und für die Goethe-Universität wichtige Zeitzeugin des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. Nächste Woche dürfte das Schild angebracht werden.

          Bleibt zu hoffen, dass auch Irmgard Heydorn, die schon am Donnerstag 100 Jahre alt geworden ist, irgendwann auf einem Straßenschild oder einer Gedenkplakette verewigt wird. Denn die Hamburgerin, die 1961 mit ihrem Mann, der damals einem Ruf an die Goethe-Universität als Professor für Erziehung folgte, nach Frankfurt gekommen war, ist die Vertreterin einer in Deutschland äußerst seltenen Art: Sie war Widerstandskämpferin gegen die NS-Diktatur.

          Lange hielt sich der Vorwurf des Volksverrats

          Als junge Frau trat Heydorn dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund bei, einer Absplitterung der SPD. Sie und die anderen Mitglieder arbeiteten konspirativ, unter hohem Risiko malten sie nachts etwa Parolen wie „Hitler = Krieg“ auf Wände oder ließen heimlich regimefeindliche Broschüren in Zügen liegen, die als Schriften des Philosophen Kant getarnt waren.

          Nachkriegsdeutschland hat Heydorn ihren Mut nicht gedankt, bis in die jüngste Vergangenheit sahen Irmgard Heydorn und ihr Mann sich dem Vorwurf ausgesetzt, sie seien Volksverräter gewesen. Die offiziell von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) initiierte Ehrung zu ihrem 100. Geburtstag muss man daher auch als ein Stück Wiedergutmachung betrachten. Leider konnte Heydorn aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Geburtstagsfeier für sie und Simonsohn teilnehmen, auf der Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) die Glückwünsche des Landes und Universitätspräsidentin Wolff die der Hochschule überbrachten.

          Simonsohn und Heydorn - ein eindringliches Paar

          Simonsohn und Heydorn sind Freundinnen aus frühen Hamburger Zeiten. Zusammen haben sie in den vergangenen Jahren viele Male in Schulen von ihren Erlebnissen im Nationalsozialismus berichtet. Simonsohn, die aus Olmütz im tschechischen Mähren stammt und bei der zionistischen Jugend aktiv war, hat die Lager Theresienstadt und Auschwitz überlebt. Wenn sie davon erzählt, ist sie jedes Mal wieder ganz in dieser Zeit, die Zuhörer haben den Eindruck, sie lebe die Szenen etwa in der Krankenstation in Theresienstadt oder das erste Zusammentreffen dort mit ihrem späteren Mann Berthold Simonsohn noch einmal durch.

          Irmgard Heydorn musste die Teilnahme an der Feier absagen. Sie war Widerstandskämpferin gegen die NS-Diktatur.
          Irmgard Heydorn musste die Teilnahme an der Feier absagen. Sie war Widerstandskämpferin gegen die NS-Diktatur. : Bild: Dreisen, Linda

          Die gemeinsamen Zeitzeugen-Auftritte von Simonsohn und Heydorn folgten oft dem bekannten Schema amerikanischer Kriminalfilme. Der „Good Cop“ war Simonsohn, die den jungen Zuhörern immer sagte, sie trügen keinerlei Schuld am Holocaust, sondern nur die Verantwortung dafür, dass die Geschichte sich nicht noch einmal wiederhole. Heydorn dagegen nahm lieber die Rolle des „Bad Cop“ ein, der klar sagte, dass die Mehrzahl der Deutschen willig und gar freudig im Dritten Reich mitgemacht habe. Zusammen waren Simonsohn und Heydorn ein ungemein eindringliches Paar, das vielen tausend Schülern einen lebendigen Eindruck von einer Schreckenszeit vermittelte.

          Drei Phasen im Umgang mit NS-Vergangenheit

          Doch jetzt ist ihre Zeit als Zeitzeugen abgelaufen. Heydorn kann nicht mehr aus dem Haus, und auch Simonsohn hat ihre Auftritte reduziert. Andere Berichterstatter, die den Nachgeborenen glaubhaft vom Holocaust und von der NS-Diktatur erzählen konnten, wie etwa Arno Lustiger oder Fritz Rau, sind gestorben. Rau, der legendäre Konzertveranstalter, war übrigens begeisterter Hitlerjunge. Zusammen mit dem Jazzmusiker Emil Mangelsdorff ist er in späteren Jahren durch die Schulen gezogen und hat den Schülern zu erklären versucht, wie er vom NS-Regime verführt wurde, während Mangelsdorff, der in der verbotenen Swing-Jungend aktiv war, den jungen Menschen darlegte, warum er die Nazis von Anfang an hasste.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Tesla-Chef Elon Musk steht vergangenen September auf der Baustelle der Tesla Gigafactory in Brandenburg.

          Tesla-Chef : Musk gibt Bitcoin wieder Aufwind

          Ein Tweet reicht von ihm reicht für deutliche Kursausschläge: Elon Musk deutet an, Bitcoin sei als Zahlungsmittel für Tesla noch nicht gestorben. Prompt schießen Kryptowährungen in die Höhe.
          Teilnehmer einer Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen stehen am 29. August 2020 vor dem Reichstag in Berlin — darunter auch ein Teilnehmer, der die Reichsflagge hochhält.

          Vor Innenministerkonferenz : Deutsche Reichsflagge soll verboten werden

          Die Innenminister wollen mit einem Mustererlass das Zeigen bestimmter ehemaliger deutscher Flaggen untersagen. Rechtsextremisten nutzen etwa die Reichsflagge von 1892 als Ersatzsymbol für die verbotene Hakenkreuzflagge.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.