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Holler my Dear in Brotfabrik : Nachdenklich und tanzlustig zugleich

  • -Aktualisiert am

Haben von weit her neue Eindrücke mitgebracht: Holler my Dear Bild: Jim Kroft

Immer auf Kurs: An diesem Donnerstag spielt die Band Holler my Dear mitsamt Jacky Bastek in der Frankfurter Brotfabrik. Gerade hat die Band ihr drittes Album „Steady As She Goes“ veröffentlicht.

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          Verglichen mit gängigen Pop-Bands, fallen Holler my Dear schon durch ihre Instrumente auf. Wo sonst Keyboards zirpen, brilliert hier der Akkordeon-Virtuose Valentin Butt, die Gitarre wird von Fabian Koppri häufig durch eine Mandoline ersetzt. Dazu gesellt sich Stephen Molchanskis Trompete, die zwischen Balkan-Euphorie, New Orleans-Jazz und Vaudeville-Theater changiert. Dem Jazz entlaufen ist auch Lucas Dietrichs Kontrabass, den er auf der Bühne mitunter gegen einen Ukulele-Bass tauscht; mit beiden grundiert er souverän den Groove.

          Zwei junge Frauen in der Band schließen den Kreis zur zeitlosen Popästhetik. Schlagzeugerin Elena Shams spielt inzwischen öfter mal gradlinige Beats, die unwillkürlich in die Beine fahren. Und Laura Winklers ungewöhnlich variabler Gesang deckt von Soul-Emphase über rhythmische Phrasierungen bis zu hymnischen Melodiebögen und überschwänglichen Scats viele Facetten ab.

          Humor und Hintersinn

          Gerade hat die Band ihr drittes Album „Steady As She Goes“ veröffentlicht, neuerdings bezeichnet sie ihren individuellen Stil augenzwinkernd als „Disco-Folk“. Ginge es nach Winkler, die für die meisten Texte und Kompositionen verantwortlich ist, würde das Sextett auf solche Etiketten ganz verzichten: Aber wenn es nicht ohne griffige Bezeichnung gehe, sollte diese zumindest etwas ironisch sein.

          Humor und Hintersinn gehören zum Naturell der 1988 geborenen Österreicherin. Als Gesangs- und Kompositionsstudentin kam sie von Graz nach Berlin, begeisterte sich für die bunte Vielfalt in der Hauptstadt und blieb. Ähnlich ging es zuvor schon den aus Russland zugereisten Butt und Shams, dem Briten Molchanski und dem über Paris aus Vorarlberg gekommenen Dietrich. Den kürzesten Weg, nämlich aus Guben in Brandenburg, hatte dereinst Koppri. Im Winter 2011/12 fanden die sechs zusammen, seitdem ist viel passiert.

          Songs mit gewitzten Details

          „Die neuen Songs entstanden während Konzertreisen, die uns auch nach Mexiko, Japan, Iran und Kasachstan brachten“, sagt Winkler, noch immer von den Erlebnissen fasziniert. „In Mexiko City wollten mehrere tausend Zuschauer zu unserer Musik hopsen, in Teheran wurden wir ständig von Leuten angesprochen.“ Solche Reaktionen hätten vor allem die Musik, aber auch Texte inspiriert, sagt Winkler. „Beim Schreiben habe ich viele Stücke etwas luftiger angelegt“, erklärt sie den lebendigen Band-Prozess, „wenn alle zusammen spielen, werden die Arrangements ganz von selbst wieder dichter.“

          Trotz der gradlinigen Beats, die besonders in Konzerten Stimmung machen, locken auch die aktuellen Songs mit gewitzten Details. Etwa 6/8- oder Siebener-Takte, die manchen Titeln Charakter verleihen, selbst wenn man die Rhythmen als Hörer nicht bewusst identifizieren sollte. Winkler oder Molchanski runden den Sound durch vereinzelte Keyboard-Einsätze ab, der Londoner bekommt darüber hinaus einige Freiräume als lässig-lakonischer Rapper. Soli werden absichtsvoll knapp gehalten, gleichwohl können Trompeter Molchanski sowie Akkordeonist Butt, der schon von den Berliner Philharmonikern engagiert wurde, glänzen.

          Der Albumtitel „Steady As She Goes“ bezieht sich auf das seemännische Kurshalten. „Es geht ums Austarieren, um eine flexible Vorwärtsbewegung“, erläutert Winkler. Während die Musik etwas mehr mit eingängigen Strukturen flirtet, entwickelt das Sextett zwischen nadelfeinen und energiegeladenen Momenten eine noch stärkere Dynamik. Zudem bezieht Winkler in ihren Songtexten deutlicher denn je Stellung zu aktuellen Themen, etwa den Schattenseiten von Gentrifizierung und immer schnellerer Online-Kommunikation. Die Verbindung von optimistischen Klängen und nachdenklichen Zeilen, von kritischen Aussagen und entschiedener Zuversicht bestimmt die Haltung von Holler my Dear. Ihre fröhlich-widerständige Devise heißt Tanzen, aber gerne aus Reihe. „Es geht darum, Pessimismus und Angstmacherei andere Botschaften entgegenzusetzen“, beschreibt Winkler ihren Standpunkt, „nämlich rauszugehen und offen zu bleiben.“

          Das Doppelkonzert mit der Eppsteiner Sängerin und Fingerstyle-Gitarristin Jacky Bastek beginnt um 20 Uhr in der Brotfabrik in Frankfurt-Hausen.

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