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Psychisch erkrankte Mütter : Lächeln fürs eigene Baby als Herausforderung

Familiengerecht: 8,3 Millionen Euro hat der neue Anbau an der Klinik Hohe Mark in Oberursel gekostet. Bild: Marcus Kaufhold

Die Klinik Hohe Mark in Oberursel hat nicht nur ein neues Haus bezogen. Erstmals werden auch psychisch erkrankte Mütter mit ihren Kleinkindern behandelt. Der Bedarf ist groß.

          Babywindeln und Holzspielzeug standen bis vor kurzem nicht auf der Einkaufsliste der psychiatrischen Klinik Hohe Mark. Doch im Dezember sind am Waldrand oberhalb von Oberursel die ersten psychisch erkrankten Mütter mit ihrem Kleinkind bis zum Alter von 24 Monaten aufgenommen worden. Inzwischen stehen sechs Plätze für die Mutter-Kind-Behandlung im neuen Haus Friedländer zur Verfügung. Mit einem Symposion hat die Klinik am Dienstag das neue Angebot offiziell vorgestellt und zugleich die Fertigstellung des zweiten Bauabschnitts gefeiert.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Dem vor vier Jahren bezogenen zentralen Gebäudeteil mit Anbau im Westen ist jetzt der östliche Flügel des Hauses Friedländer gefolgt. Wie in seinem Gegenstück sind auch dort drei Stationen mit jeweils 24 Betten untergebracht. Damit stehen in dem Komplex 144 der insgesamt 234 Betten der Klinik zur Verfügung. Die Kosten für den zweiten Bauabschnitt lagen mit 8,3 Millionen Euro um 400.000 Euro unter der Kalkulation.

          Auf Signale des Kindes reagieren

          Die eigentlich für Juli 2016 geplante Fertigstellung verzögerte sich allerdings wegen Baumängeln an der Fassade. Sie verschoben die vom Wetter abhängige Anbringung der Wärmedämmung bis in dieses Jahr. In das Erdgeschoss des neuen Flügels ist die Gerontopsychiatrie eingezogen, während auf der gegenüberliegenden Seite die Mutter-Kind-Station liegt. „Wir haben bewusst Alt und Jung auf einer Etage untergebracht“, sagte Klinikdirektorin Anke Berger-Schmitt.

          Beiden komme zugute, dass sie später ebenerdig in den Therapiegarten gelangen könnten, der auf der Rückseite des Gebäudes mit seinem schmetterlingsförmigen Grundriss angelegt werde. Das neue Gebäude, das mit einem Spaziergang durch den Park zu erreichen sei, habe aber auf alle Patienten eine positive Wirkung.

          Mit der Mutter-Kind-Station geht die Klinik neue Wege. Dort werden Frauen behandelt, die unter Depressionen, Angststörungen, Psychosen oder Traumafolgen leiden und gerade ein Kind bekommen haben. Das hat Folgen für das Baby: „Manche Mütter freuen sich an nichts und müssen erst lernen, ihr Kind anzulächeln und auf dessen Signale zu reagieren“, sagte Oberarzt Andreas Richter. Das aber sei für ein Kind extrem wichtig.

          Vom Bedarf überrascht

          „Ein Lächeln setzt das Stressniveau des Kleinkinds sofort herunter, und es wird neugierig.“ Mit einer videogestützten Therapie merkten viele Frauen erst, wie sie auf das Kind wirkten. Es gebe auch Fälle, in denen die Mütter, nachdem ihr Kind vom Jugendamt in Obhut genommen worden sei, mit ihm in der Station zum ersten Mal wieder zusammenträfen.

          Richter hob den primärpräventiven Effekt der Therapie hervor. Damit wolle man den Teufelskreis durchbrechen, dass eine psychische Erkrankung an die nächste Generation weitergegeben werde. Bis zum Alter von zwei bis drei Jahren seien Kinder empfänglich für solche Störungen, aber auch für das Gute, das man ihnen tue.

          Studien an rumänischen Waisenkindern aus den katastrophalen Heimen der kommunistischen Diktatur hätten gezeigt, dass die Behandlung von Kindern bis zum Alter von drei Jahren erfolgreich gewesen sei. „Die Älteren hatten irreparable Schäden.“ Nachdem die Therapie im Dezember begonnen wurde und seither zwölf Frauen mit ihren Kindern behandelt worden sind, zeigte sich der Oberarzt vom Bedarf überrascht. „Wir haben 50 Anfragen aus ganz Deutschland und sind in ein riesiges Vakuum gestoßen.“

          Kostenträger überzeugen

          Hebammen und Jugendämter seien dankbar für das Angebot. Er schätze, dass es nur zwei bis drei derartiger Therapiemöglichkeiten je Bundesland gebe. Die Finanzierung allerdings ist für die Klinik eine Herausforderung. „Wir gehen in Vorleistung“, sagte Direktorin Berger-Schmitt. Das System sei nun einmal auf Kranke ausgerichtet, die aufgenommenen Kinder aber seien gesund.

          Im Jahr fehlten 160.000 Euro, die noch nicht von den Kostenträgern finanziert würden. „Zwei Jahre haben wir uns gegeben, um sie zu überzeugen.“ Auch auf Spender und Stiftungen setzt die Klinik. Richter machte eine Gesamtrechnung auf. Die Lebenskrankheitskosten für psychiatrische Behandlungen summierten sich bei einem Patienten auf 100.000 bis 300.000 Euro. „Wenn wir bei nur einem von 20 bis 30 Kindern im Jahr eine spätere psychiatrische Erkrankung verhindern, hätten die Kostenträger das Geld wieder eingespart.“

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