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Hockeyklubs in Hessen : Keiner für alle, alle für keinen

  • -Aktualisiert am

Eigentlich ist im Frankfurter Hockey niemand auf den Kopf gefallen - auch beim SC 1880 nicht, obwohl es fast so aussieht. Bild: Wonge Bergmann

Die einst erfolgreichen hessischen Hockeyklubs haben längst den Anschluss an die nationale Spitze verloren. Talente sind vorhanden, Trainer aber fehlen.

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          „Früher“, „einst“ und „damals“ scheinen die meistgebrauchten Wörter zu sein, wenn es um das hessische Hockey geht. Damals, als mit dem SC Frankfurt 1880, Rüsselsheimer RK, Limburger HC, Eintracht Frankfurt, Hanauer THC und Safo Frankfurt viele Klubs in der ersten und zweiten Liga ihr sportliches Zuhause hatten. Einst, als Rüsselsheim mit seinen unzähligen Erfolgen im Zentrum des deutschen Damenhockeys stand. Früher, als die A-Nationalmannschaften auf den steten Strom hessischer Spitzenkräfte bauen konnten. Das war einmal. Vergangenheit. Und wenig deutet darauf hin, dass sich daran in naher Zukunft etwas ändern wird.

          Hört man sich in der Szene um, ist das Übel längst diagnostiziert, die Behandlung aber unklar und wenig abgestimmt. „Jeder schwimmt in seinem eigenen Saft“, bemängelt Chris Faust. Der A-Lizenz-Trainer hat in seiner Laufbahn schon bei einigen hessischen Vereinen gearbeitet und ist seit diesem Jahr hauptamtlich bei Safo Frankfurt sowie als Coach der tschechischen Nationalmannschaften beschäftigt. Dabei haben viele Vereine eher Kapazitäts- als Nachwuchsprobleme - die hierzulande erfolgreichste olympische Ballsportart liegt vielerorts bei Kindern und Jugendlichen im Trend. Nur gelingt es nicht, aus der Masse auch Klasse zu generieren.

          Es fehlen Jugendtrainer

          Ein Grund ist die geringe Zahl an gut ausgebildeten Trainern, gerade für die Jugend. Dazu schaffen es die Klubs nicht, Anreize und Rahmenbedingungen im Amateursport Hockey zu schaffen, so dass auch gestandene Spieler hier landen. Und das, obwohl Rhein-Main an Arbeits- und Ausbildungsplätzen so reich ist. Hat sich Hessen einst mit den Hockey-Hochburgen Hamburg, Berlin und Rheinland messen können, hat es heute längst nicht nur den Anschluss an jene verloren, sondern droht auch von Rheinland-Pfalz und Niedersachsen überflügelt zu werden.

          Der Verlust an Qualität und Leistungsstärke in den vergangenen Jahren sei „ganz klar messbar“, sagt Faust. Nicht nur daran, dass mit dem Bundesligaabsteiger SC 1880 nur noch ein hessisches Herrenteam auf dem Feld zumindest zweitklassig spielt, sondern auch an der geringen Zahl an bei hessischen Klubs ausgebildeten Spielern, die es in die Auswahlmannschaften des Deutschen Hockey-Bundes geschafft haben.

          Damals, als Berti Rauth noch Spielerinnen rekrutierte

          In der U21 und U18 steht nur je ein Hesse im Kader, in der U16 keiner. Etwas besser sieht es bei den Damen aus. Da stellt der Rüsselsheimer RK als hessischer Alleinunterhalter dank seines herausragenden Jahrgangs 1993 fünf U-21-Nationalspielerinnen, dazu drei in der U18. In der U16 sucht man ebenfalls vergeblich nach Top-Nachwuchskräften aus der Region. Beim RRK reagiert man allergisch auf die These, dass die aktuellen Auswahlspielerinnen als Letzte noch das Glück hatten, von Berti Rauth aus den Schulen geholt und auf den Hockeyweg gebracht wurden. Rauths 28-jähriges Wirken samt dem Gewinn von 32 Titeln wird im Rückblick beinahe romantisch verklärt. Der akribische Trainer ging 2007 auch ein Stück weit frustriert nach Hamburg, weil das öffentliche Interesse und die Unterstützung aus der Wirtschaft in Rüsselsheim in keinem Verhältnis zu seiner exzellenten Arbeit standen. Die heutigen Sorgen beim RRK sind im Kern ähnlich, nur größer.

          „Wenn wir es schaffen, ein Netzwerk für Ausbildung, Studium und Beruf zu knüpfen und eine sportliche Perspektive bieten können, dann haben wir gute Chancen, dass die Talente bei uns bleiben“, sagt Florian Westermann. Das sind seit Jahren vertraute Vorhaben - nur ohne rechten Ertrag. Der hauptamtliche RRK-Damen-Coach hat mit seinem im Schnitt 21 Jahre jungen Bundesligateam nur knapp die Meisterschafts-Play-offs verpasst. Westermann ist darauf angewiesen, dass Jahr für Jahr Jugendspielerinnen erstligareif werden - nicht als Ergänzung, sondern als Lebensader. Denn die Besten gehen regelmäßig verloren, sie ziehen irgendwann weiter. Dorthin, wo sich Studium und Hockey dank gezielter Programme bestens verbinden lassen. Wo es sogar etwas Geld zu verdienen gibt oder eine Wohnung und ein Auto zur Verfügung gestellt werden. Zu einem Magneten, auch für Hessens Beste, hat sich der in Sachen Infrastruktur vorbildliche Mannheimer HC entwickelt mit allein sechs diplomierten Trainern.

          Frankfurter Eintracht als Positivbeispiel

          Da können die hessischen Klubs nicht mithalten. Die RRK-Herren sind bereits bis in die drittklassige Regionalliga abgestürzt - vor allem, weil schwächere Jugendjahrgänge die Abgänge von Leistungsträgern nicht mal ansatzweise kompensieren konnten. Im Jugendbereich hat es sich zudem eingebürgert, dass die besten Mädchen früh zum RRK und die besten Jungs aus ihren kleineren Heimatvereinen zum SC 1880 wechseln. Mit der Folge, dass die beiden Großklubs quasi konkurrenzlos agieren, jedes Spiel hoch gewinnen, aber auf überregionaler Ebene schnell Grenzen aufgezeigt bekommen.

          Die positive Überraschung sind die Damen der Frankfurter Eintracht, die sich als kleine Abteilung innerhalb des Großklubs mit kleinem Etat eine erstklassige Präsenz in Halle und Feld erarbeitet haben. Dort wird aus wenig viel gemacht - aber konzeptionell auch eher von der Hand in den Mund gearbeitet. Da ist man beim SC Frankfurt 1880 schon weiter. Trainer Erik Koppenhöfer hat als hauptamtlicher Trainer und Sportdirektor Zug hereingebracht in die Jugendarbeit und das Denken in Leistungssportkategorien im Klub verankert. Aber er musste nach dem krachenden Scheitern seiner Herren im zweiten Bundesligajahr auch erkennen, dass es von den Strukturen noch nicht reicht für höhere Ziele. „Wenn der Wiederaufstieg klappen sollte, müssen wir uns anders aufstellen und positionieren“, sagt Koppenhöfer. „Sonst reicht es wieder nur für ein, zwei Bundesligajahre, und wir stehen vor demselben Dilemma.“

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