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Hochzeiten : Immer weniger Paare lassen sich kirchlich trauen

  • -Aktualisiert am

Die Zahl der kirchlichen Hochzeiten sinkt. „Freie Theologen“ können eher auf die Wünsche des Brautpaares eingehen - und eine Trauung schon mal auf dem Fußballplatz zelebrieren.

          Ksenija Auksutat untertreibt. "Keine schöne Zahl", sagt die Pfarrerin, als sie den Rückgang kirchlicher Trauungen in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) bilanziert. Keine schöne Zahl? Die Bilanz ist erschreckend: Waren es 1992 noch rund 7800 Hochzeiten in der Landeskirche, lag die Zahl 2002 bei 4560, im vergangenen Jahr nur noch bei 4300. In der Propstei Rhein-Main hat sich die Zahl kirchlicher Hochzeiten von 1992 bis 2002 gar mehr als halbiert, von 1316 auf 610.

          Die hessen-nassauische Landeskirche ist keine Ausnahme. Auch die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck und die Bistümer Limburg und Mainz verzeichnen Rückgänge. Dabei sind den beiden großen Kirchen Feiern wie Hochzeiten wichtig, bieten sie doch Gelegenheit, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die den Kirchen fernstehen. Wie es aussieht, bleiben auch diese Menschen den Kirchen zunehmend fern, nutzen andere Angebote, um den Hochzeitstag zu feiern. "Wir müssen etwas tun", sagt Auksutat, die in der EKHN für Mitgliederorientierung zuständig ist. "Zum Beispiel müssen wir besser informieren."

          „Traditionsabbruch“

          Das tut die Landeskirche mit einer neuen Broschüre, in der sie etwa den Sinn einer kirchlichen Trauung vermittelt, häufig gestellte Fragen beantwortet und den Gottesdienstablauf schildert. Kirchenintern verspricht sich Auksutat von dem Heft eine bessere Betreuung Heiratswilliger durch die Pfarrer. "Der Segen", sagt sie, "ist Paaren wichtig, gerade jungen Paaren, die eine Familie haben wollen."

          Die Zahl der kirchlichen Trauungen ist stärker rückläufig als die ebenfalls zurückgehende Zahl standesamtlicher Eheschließungen und die der Kirchenmitglieder. Als einen Grund dafür nennt Auksutat einen gewissen "Traditionsabbruch". Viele kennten den Ritus einer Trauzeremonie nicht mehr oder kaum noch. Ähnlich sieht es auch Pia Arnold-Ramme, Pastoralreferentin in der Fachstelle für katholische Stadtkirchenarbeit in Frankfurt. "Menschen, die keine Beziehung zur Kirche haben, fragen sich, warum sie kirchlich heiraten sollen." Außerdem gebe es immer mehr Leute, die wegen einer Scheidung nicht mehr katholisch heiraten dürften. In der Stadt haben sich im vergangenen Jahr 210 Paare das Ja-Wort gegeben, 1992 waren es 360; im Bistum Limburg, zu dem Frankfurt gehört, ist die Zahl von 2500 (1994) auf 1240 (2004) geschrumpft.

          „Die Kirche müßte mehr Hilfestellung geben“

          Als "bemerkenswert" stuft Tobias Blum, Sprecher des Bistums Mainz, die Zahlen ein: Ließen sich dort 1995 noch 2480 Paare trauen, waren es 2004 nur noch 1546. In der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck ging die Zahl in diesem Zeitraum von 3750 auf 2326 zurück. Deren Sprecher Karl Waldeck macht dafür vor allem zwei Faktoren verantwortlich: den "relativ geringen Stellenwert von Ehe und Familie in der Gesellschaft" und das vergleichsweise hohe Durchschnittsalter der Kirchenmitglieder, das bei etwa 45 Jahren liege. "In der ganzen Kirche, aber auch in jeder Gemeinde müssen wir auf Paare zugehen", fordert Waldeck.

          Das sieht auch Auksutat so. Vom Argument, Pfarrer müßten doch froh sein, denn zu kirchlichen Trauungen kämen nun zunehmend überzeugte Menschen, während die anderen wegblieben, hält sie nichts. "Die EKHN ist klar als Volkskirche aufgestellt." Und viele Mitglieder erwarteten, "daß die Kirche da ist, wenn sie sie brauchen". Arnold-Ramme ist da skeptischer: "Volkskirche sind wir schon lange nicht mehr. Das haben nur noch nicht alle realisiert." Die Chance, wieder mehr Menschen zu erreichen, sieht sie eher in einer guten Eheberatung denn in Traugottesdiensten. "Die Kirche müßte mehr Hilfestellung geben." Ein Beispiel dafür sei die Arbeit der Ehe- und Sexualberatung im Haus der Volksarbeit, einer katholischen Einrichtung, die Paaren helfen wolle, bevor sie in eine Krise gerieten.

          „Vieles ist möglich“ - unter Wahrung von Grenzen

          Gemeinsam mit dieser Beratungsstelle bieten Arnold-Ramme und ein Kollege Ehevorbereitungskurse an. An ihnen nähmen etwa nur zehn Prozent der heiratswilligen Frankfurter Paare teil. Trotzdem sei das Angebot wichtig, denn es könne über viele Fragen gesprochen werden, über Kindererziehung genauso wie darüber, weshalb die Eheschließung in der katholischen Kirche ein Sakrament sei.

          Solche Kurse gibt es auch in der evangelischen Kirche. Was die Gestaltung der Trauung angeht, schreibt Auksutat ihren Kollegen ins Stammbuch, daß "dabei vieles möglich ist" - unter Wahrung von Grenzen, etwa bestimmter Traditionen in Gemeinden. Wenn es nach ihr ginge, müßte nicht jede Trauung in einer Kirche stattfinden. "In einem Fall hätte ich es befürwortet, eingefleischte Frankfurt Galaxy-Fans im Waldstadion zu trauen. Aber der zuständige Dekan war dagegen."

          „Ein Berufsfeld mit Zukunft

          Da haben es andere leichter: die "freien Theologen". Sie waren einmal in einer der Kirchen tätig. Anita Schuldt, einst Prädikantin in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, hat schon einmal eine Trauzeremonie auf einem Fußballplatz gehalten. "Aber solche Wünsche fallen aus dem Rahmen", sagt die "freie Theologin" aus Hasselroth im Main-Kinzig-Kreis. Den großen Vorteil gegenüber einer kirchlichen Trauung sieht Schuldt in der Möglichkeit, viel besser auf individuelle Wünsche von Paaren eingehen zu können. Eine solche Trauung kostet ihr zufolge durchschnittlich etwa 600 bis 700 Euro.

          Daß Menschen an diesem Punkt ihres Lebens nach einem Ritual suchen, steht für Schuldt und ihren Kollegen Markus Grünling fest. Grünling war einmal katholischer Pfarrer im Erzbistum Freiburg. "Auch wenn die Zahl kirchlicher Trauungen zurückgeht, wächst das Gefühl, daß eine Trauung einen Rahmen braucht, der Sicherheit gibt", meint er. Einer von Schuldt gegründeten Arbeitsgemeinschaft gehören in Deutschland inzwischen 20 "freie Theologen" an, daneben gibt es noch andere. Insgesamt sind es wenige, aber Kessner ist sicher: "Das ist ein Berufsfeld mit Zukunft."

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