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Portal Hochschulwatch : Hier irren die Transparenzwächter

  • -Aktualisiert am

Türschild: Im House of Finance der Uni Frankfurt steht schon an der Hörsaalwand, wer hier Forschung und Lehre fördert. Bild: Max Kesberger

Das Portal Hochschulwatch will Verbindungen zwischen Unis und Wirtschaft offenlegen. Gute Idee, meinen viele - doch leider sind etliche Angaben auf der Internetseite falsch.

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          Mehr Licht in die Verbindungen zwischen Hochschulen und Wirtschaft bringen: das ist das Ziel der Macher von Hochschulwatch.de. Wer auf dem gleichnamigen Internetportal nach Informationen zur TU Darmstadt sucht, wird auch sogleich erleuchtet, wie es scheint. Unter der Überschrift „Stiftungsprofessuren“ findet sich zum Beispiel gleich zwölfmal der Eintrag „Lichttechnik“, jeweils kombiniert mit dem Namen eines angeblichen Unterstützers - darunter Opel, Daimler und BMW.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass es nicht etwa zwölf Stiftungsprofessuren für Lichttechnik an der TU gibt, sondern dass die Widmung des Lehrstuhls vor jedem einzelnen Finanzier noch einmal genannt wird, stellt immerhin ein Hinweis vor der Liste klar. Trotzdem kann man diese Art der Darstellung merkwürdig finden. Nicht seltsam, sondern schlicht falsch ist jedenfalls, dass die Lichttechnik überhaupt als aktuelle Stiftungsprofessur genannt wird - tatsächlich handelt es sich inzwischen um eine reguläre Professur, wie TU-Sprecher Jörg Feuck hervorhebt. Schleierhaft ist ihm auch, warum weiter unten auf der Liste die Deutsche Forschungsgemeinschaft als „Stifter“ einer Informatikprofessur genannt wird. Die staatlich finanzierte DFG bietet zwar viele Fördermöglichkeiten; Stiftungsprofessuren gehören aber nicht dazu.

          Fehler nicht korrigiert

          Feuck ist nicht der Einzige, der sich über Fehler auf Hochschulwatch.de ärgert. Auch die Sprecher von zehn weiteren hessischen Hochschulen üben Kritik an dem Internetangebot, einem Projekt des Vereins Transparency International, der Tageszeitung „taz“ und des „Freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften“. Die Idee, einen Überblick über das Engagement der Wirtschaft zu geben, finden die Öffentlichkeitsarbeiter nicht schlecht, wie sie schreiben. Leider seien aber „über Jahre und zum Teil ohne Rücksprache mit den betroffenen Hochschulen“ Daten auf die Plattform gestellt worden, „die sich schon nach oberflächlicher Überprüfung als falsch herausstellen“.

          TU-Sprecher Feuck hat sich nach eigenen Worten schon zweimal per E-Mail an die Hochschulwatch-Betreiber gewandt und darum gebeten, die Fehler zu korrigieren - passiert sei bisher nichts. Falls das zutreffe, bitte er um Entschuldigung, sagt Ralf Pauli, Redakteur der „taz“ und maßgeblich beteiligt an der Recherche für die Internetseite. Man bemühe sich, unzutreffende Angaben schnell zu korrigieren. Außerdem werde gerade Geld gesammelt, um mehr Mitarbeiter bezahlen und das Portal besser pflegen zu können.

          Wie unabhängig ist die Lehre dann?

          Dass Pauli und seine Mitstreiter willens sind, Irrtümer zu berichtigen, belegt eine Anfrage bei der Uni Mainz: Fehler in der Zuordnung von Stiftungsprofessuren, die man bei Hochschulwatch moniert habe, seien „unverzüglich“ bereinigt worden, teilt die Pressestelle mit. Nachfragen bei den hiesigen Hochschulen zeigen aber auch, dass die Angaben der selbsternannten Transparenzwächter wenn nicht durchweg fehlerhaft, so doch oft unvollständig sind. Die Frankfurt School of Finance and Management etwa liefert auf Wunsch eine Liste ihrer fünf aktiven und sechs inaktiven (da zum Beispiel ausgelaufenen) Stiftungsprofessuren inklusive Höhe der Finanzierung. Auf Hochschulwatch.de ist nichts davon zu finden.

          „taz“-Journalist Pauli erklärt solche Lücken damit, dass nicht alle Hochschulen, die er angeschrieben habe, ihm geantwortet hätten. Er findet es auch nicht unlauter, Stiftungsprofessuren aufzulisten, die keine mehr sind: Da solche Lehrstühle nach dem Auslaufen der privaten Förderung oft von den Unis auf eigene Rechnung weitergeführt würden, sorgten die Stifter dafür, dass bestimmte Forschungsrichtungen etabliert würden. Ein bedenkenswertes Argument - aber keine Rechtfertigung für veraltete Angaben wie zu der Darmstädter Lichttechnik-Professur.

          „Es ist nicht generell schlecht, dass sich Unternehmen an Hochschulen engagieren“, stellt Pauli klar. Bei solchen Partnerschaften müsse aber darauf geachtet werden, dass die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre nicht in Gefahr gerate. Es gebe Fälle, in denen Stifter etwa versucht hätten, den Lehrstuhl mit einer Person ihrer Wahl zu besetzen. Dass solche Ansinnen ebenso energisch zurückgewiesen würden wie Einmischungen in die wissenschaftliche Arbeit, beteuern die hiesigen Hochschulen unisono. Hinter vorgehaltener Hand wird aber zugegeben, dass es manchmal schon zu Spannungen zwischen Hochschullehrern und privaten Förderern kommt. Äußert sich etwa ein Professor in den Medien kritisch über ein Unternehmen, das seine Hochschule unterstützt, kann das zu unfreundlichen Reaktionen führen. Mit Drohungen, den Geldhahn zuzudrehen, sei das aber nicht verbunden, heißt es. Und im Übrigen: „So etwas muss man aushalten.“

          Idee gut, Umsetzung hakt

          Andreas Hackethal weiß, dass Wissenschaftler eines fast noch mehr fürchten als ausbleibende Überweisungen - nämlich die Verweigerung von Forschungsdaten durch einen Projektpartner aus der Wirtschaft, der sich von einem Stiftungsprofessor schlecht behandelt fühlt. Auch er habe schon einmal die Sorge gehabt, dass ihm das passieren könne, sagt der Dekan der Wirtschaftswissenschaftler an der Uni Frankfurt. Geschehen sei freilich nichts.

          Hackethal ist Mitglied in einer Kommission seiner Hochschule, die den Umgang mit Zuwendungen privater Dritter überwacht. Einmal musste er sich mit dem Vorwurf befassen, ein Stifter habe Einfluss auf ein Berufungsverfahren genommen. Der Verdacht sei unbegründet gewesen. Nur vom Hörensagen kennt er das Angebot einer Finanzfirma, der Uni einen Lehrstuhl zu bezahlen und den Inhaber gleich mitzuliefern. Man habe abgelehnt.

          Hackethals eigene Professur für Personal Finance wird von der DZ-Bank-Stiftung gefördert; so ist es auch korrekt auf Hochschulwatch.de nachzulesen. Der Finanzwissenschaftler findet die Idee des Portals ebenfalls gut, aber Zahlen und Daten müssten halt stimmen. Die Uni selbst will ihren Teil dazu beitragen: Sie hat nach Angaben ihres Sprechers gestern eine Liste mit Berichtigungswünschen an Hochschulwatch-Betreiber Pauli geschickt.

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