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Hochschulen und Corona-Krise : Wider einen schleichenden Abschied von der Präsenzlehre

  • -Aktualisiert am

Leere Reihen: Die Hochschulen setzen derzeit auf digitale Vorlesungen und Seminare. Bild: Sebastian Cunitz

Deutschland hat flexibel auf neue Infektionsherde reagiert. Die Hochschulen hingegen setzen steif auf die Digitallehre. Jetzt müssen die Hochschulen zeigen, dass auch sie dynamisch auf Herausforderungen reagieren können.

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          Die Beobachtung ist schon richtig: Gemessen an den heftigen Diskussionen darüber, wann und wie die Schulen nach dem Corona-Shutdown in den Regelbetrieb zurückkehren sollen, wird über das Vorgehen der Hochschulen erstaunlich wenig gestritten. Ohne größere Kontroversen haben sie sich ein „Digitalsemester“ verordnet, und so, wie es derzeit aussieht, wird es auch im nächsten Wintersemester keine vollen Hörsäle geben. In diesem Sinn hat sich nicht nur die Uni Gießen geäußert. Zu groß ist die Sorge, dass die Universitäten zu Katalysatoren einer möglichen zweiten Infektionswelle werden: Kürzlich sagte die Frankfurter Uni-Präsidentin Birgitta Wolff, sie wolle nicht, dass ihre Hochschule zu einem „Heinsberg des Rhein-Main-Gebiets“ werde.

          Die Sorge ist berechtigt. Laut einer Studie der Cornell University bergen die Muster des sozialen Austauschs unter Studenten ein hohes Risiko für die Ausbreitung von Krankheitserregern. Weil Hochschüler viele Kontakte über Kurs- und Fachgrenzen hinweg pflegten, könne ein Virus rasch von einem Wirt zum nächsten springen, meinen die Forscher.

          Kein Angriff auf den Kern der Ausbildung

          Hinzu kommt, dass die Dringlichkeit, zu einer Art Normalzustand zurückzufinden, bei den Schulen größer ist als bei den Hochschulen. Zu ernst sind die Nöte der Eltern, die Beruf und „Homeschooling“ miteinander vereinbaren müssen, zu hoch ist die Gefahr, dass Schüler mit ungünstigen Voraussetzungen vom Bildungsfortschritt abgehängt werden. Die Fähigkeit zum eigenverantwortlichen Lernen, ob im Labor, in der Bibliothek oder vor dem heimischen Bildschirm, ist Grundvoraussetzung für jedes Studium (oder sollte es zumindest sein). Insofern ist die Notwendigkeit, sich den Lehrstoff für eine Weile auf digitalen Wegen anzueignen, noch kein Angriff auf den Kern der akademischen Ausbildung.

          Dass der Austausch im persönlichen Gespräch und das Experimentieren nicht nur per Mausklick höchst wertvolle und auf Dauer unverzichtbare Bestandteile des universitären Lernens sind, ist aber auch unbestritten. Als Rechtfertigung für einen schleichenden Abschied von der Präsenzlehre darf die Corona-Krise nicht missbraucht werden.

          Im Kampf gegen das Virus hat Deutschland bisher mit Erfolg auf die vielzitierte „Hammer und Tanz“-Strategie gesetzt: erst ein allgemeines Herunterfahren des öffentlichen Lebens, dann flexibles Reagieren auf neue Infektionsherde. Auch die Hochschulen müssen nun zeigen, dass sie tanzen können.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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