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Vorstudium für Geflüchtete : Lernprozesse auf beiden Seiten

Fit für die Uni: Die Hochschule Darmstadt qualifiziert Flüchtlinge für ein Studium in Deutschland. (Symbolbild) Bild: dpa

Die Hochschule Darmstadt bietet ein Vorstudium für Geflüchtete an - jetzt stehen den ersten 24 Absolventen die Türen für ein reguläres Studium offen. Ein Anlass, Deutschland auch einmal zu loben.

          In den obersten Stockwerken des Hochhauses der Hochschule Darmstadt lässt sich gut feiern. Das ist bei der Abschlusszeremonie für die Teilnehmer am Vorstudium für Flüchtlinge deutlich geworden. Hier oben ergänzten sich optische und biographische Perspektive: der Blick auf die weite Ebene des Rhein-Main-Gebietes vom 14. Stockwerk des Turms und die Aussicht auf das breite Angebot an Studienfächern, die der Abschluss des Qualifizierungsangebots den erfolgreichen Teilnehmern eröffnet hat.

          Deutschland muss sich viel Kritik anhören – für seine Flüchtlingspolitik, für seine Finanz- oder Europa-Politik. Aber es mehren sich auch die Stimmen der Anerkennung. Der Brite Lord Stephan Green beispielsweise wird im September ein Buch vorstellen, dass er als „Liebeserklärung an Germany“ formuliert hat, ein Land, das wie kein anderes zur Geschichte der Ideen und der menschlichen Schöpferkraft beigetragen habe und nicht nur historische Abgründe erlebt, sondern auch eine große Erneuerung erfahren habe.

          Ansporn, etwas zu ändern

          Zur Mentalität der „German Angst“ gehört es, derartige Wertschätzungen schnell zu relativieren oder zu ignorieren. Dabei wäre es an der Zeit, sich die guten Gründe, auf Deutschland stolz zu sein, vor Augen zu führen.

          Erstaunlicherweise sind es gerade Flüchtlinge, die unbeabsichtigt an einer solchen Korrektur der kollektiven deutschen Selbstwahrnehmung mitwirken. Wer an der Abschlusszeremonie für die Teilnehmer des Vorstudiums, die in unglaublich kurzer Zeit sich die deutsche Sprache angeeignet und viele Aspekte deutscher Kultur zu eigen gemacht haben, teilnahm, der kam aus dem Erstaunen über die Unbefangenheit kaum mehr heraus, mit der dort die Qualitäten Deutschlands gelobt wurden. Das Glück, in Sicherheit zu sein. Der Luxus, sich frei ein Studium wählen zu können. Die Chance auf einen Arbeitsplatz mit fester Bezahlung.

          So hat das Projekt der Hochschule einen doppelten Lernprozess eingeleitet: Die angehenden Studenten haben sich sprachlich und fachlich qualifiziert, die Mitarbeiter der Hochschule emotional und interkulturell hinzugelernt. Schwierigkeiten wurden gemeinsam überwunden, nicht beklagt. Und selbst die kritischen Hinweise der Flüchtlinge auf das Ausmaß an Bürokratie im Land – wer mag darin nicht die Bestätigung eigener Erfahrungen sehen und den Ansporn spüren, hier etwas zu ändern?

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

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