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Internet der Dinge : Die nahe Zukunft im Alten Schalthaus

Magische Gedenkorte: Bei „Eden“ stehen beleuchtete Steine für den Friedhof im Mittelpunkt. Bild: Cornelia Sick

Die Hochschule Darmstadt zeigt in einer Studenten-Werkschau, wohin die Reise im „Internet der Dinge“ geht. Auf den Markt kommen ihre Ideen jedoch selten.

          Niemand muss in Darmstadt zu einem Science-Fiction-Roman greifen, um in die Zukunft zu blicken. Es reicht, heute das Alte Schalthaus zu besuchen und sich die „Interactive Future Exhibition“ anzusehen. Die Ausstellung von Studenten des Studiengangs „Interactive Media Design“ der Hochschule nimmt vorweg, was möglicherweise in ein paar Jahren Realität sein wird. Beispielsweise der Einsatz von „Pace-Breaker“ im Frankfurter Zoo oder von „Eden“ auf einem südhessischen Friedhof. „Technologischer Fortschritt ändert unsere Welt rasant und unmerklich. Der aktuelle Wandel ist eklatant“, sagt Studiengangsleiterin Andrea Krajewski.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          „Pace-Breaker“ jedenfalls hat seinen Praxistest im Frankfurter Zoo schon bestanden. Dort haben Lisa Rosendorff, Lisa Brand, André Fritzinger, Nadja Lipphardt und Niklas Danz den Einsatz ihres technischen Animationsprogramms bei den Fossas getestet. Fossa nennt sich eine Raubkatzenart, die aus Madagaskar stammt. In deren Tiergehege hatten die Studenten drahtlos verbundene Lockstationen angebracht. Die Idee: Man lässt an unterschiedlichen Stellen Vogelgezwitscher erklingen, das die Katzen anlockt und ihnen das Gefühl vermittelt, es sei Jagdzeit. Am Ende werden die Tiere für ihren Einsatz belohnt, indem sich eine Fressbox öffnet.

          Ambitioniertes Unternehmen

          Die Absicht der Studenten ist, das vergleichsweise spannungslose Zoodasein der Fossas zu beleben und an ihre natürliche Lebensweise anzupassen, auch was die Mahlzeiten betrifft. Da sich das Jagdverhalten durch die Sensoren der Lockstation auswerten lässt, ließen sich die festen Fütterungszeiten dem Bedürfnis der Tiere anpassen. Auch nachts, wenn die Tierpfleger schlafen, könnte nach der Jagd aus der Fressbox ein Hamster, ein Filetstück oder ein Vögelchen fallen.

          Reflektiert: Supermarktkunden erfahren am Bildschirm mehr zu ihrem Einkauf.

          Für die Studenten, die sich mit dem Internet der Dinge befassen, ist die Werkschau ein ambitioniertes Unternehmen. Sie haben nicht nur ein technischen Produkt zu entwickeln und zu gestalten. Sie müssen vorher auch Marktforschung betreiben, mögliche Nutzer befragen und ein Businesskonzept erarbeiten – alles während eines Semesters. Das Resultat dieses Aufwands sind „intelligente Alltagsgegenstände“, die sich oft als Antwort auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen verstehen. Das Projekt „t.rush“ zum Beispiel ist eine Verkehrssimulation, durch die sich spielerisch der Verkehrsfluss ändern lässt, indem man Fahrbahnbreiten und Straßentypen variiert. „Woodland“ visualisiert, wie sich deutsches Konsumverhalten auf den Regenwald auswirkt, „Aquality“ führt Supermarktkunden vor Augen, wie sich ihre Einkäufe auf den Wasserhaushalt der Welt auswirken. „Who cares?“ ist eine Virtual-Reality-Anwendung, die simuliert, wie es ist, einen dementen Angehören zu pflegen. Im „Fall Brexit“ kommt Sherlock Holmes als Computer-Figur zum Einsatz, um über das politische Verhalten der Briten aufzuklären. In „Stadt-Land-Fluss“ darf man in die Rolle eines Dorfbürgermeisters schlüpfen, der gegen die Landflucht kämpft.

          Zum Start-up reicht es noch nicht aus

          Die Semesterarbeiten der Hochschule verstehen sich trotz ihres Realitätsbezugs nicht als erster Schritt zur Start-up-Gründung. Die liegt zwar bei manchen Produktentwicklungen nahe, etwa bei dem Projekt „Parcel-Key“ von Maximilian Brandl und Domenika Tomasovic, die eine Schnittstelle zwischen Kurier-Express-Dienst und dem Empfänger der Sendung konstruiert haben. Ihr Paket-Schlüssel erlaubt es, den Lauf des Päckchens zu verfolgen und es passgenau zuzustellen. Auch die Idee, auf den wachsenden Freiflächen deutscher Friedhöfe „magische Gedenkorte“ anzulegen, auf denen Angehörige der Verstorbenen, statt Blumen niederzulegen, persönliche Steininschriften aufleuchten lassen können, ist eine Innovation der Erinnerungskultur, die zeitgemäß erscheint.

          Aber die Zeit der Studenten reicht dann doch nicht, um die Prototypen bis zum marktfähigen Produkt zu entwickeln. Was den Weg auf den Markt aber dennoch nicht verhindern wird. Wie Krajewski berichtet, findet die Werkschau Anklang beim Fachpublikum: „Es schauen bei uns gerne auch Firmenvertreter vorbei, etwa von Microsoft, und von Agenturen.“ Außerdem plant die Hochschule, ein Institut zu gründen, das bei der Vermarktung der alljährlichen Ideenbörse hilft, etwa indem es Kooperationsvereinbarungen abschließt. Sie selbst, sagt Krajweski, stehe immer wieder vor Präsentationsständen ihrer Studenten und denke: „Mann, mache damit weiter, das ist doch eine gute Idee.“ Aber der letzte Weg ist nun einmal oft kein leichter. Das wissen die Studenten selbst. Die Gruppe, die den magischen Gedenkort „Eden“ als neue Form der Sepulkralkultur vorschlägt, hat auch Bekanntschaft mit der deutschen Friedhofsordnung gemacht.

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