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Hobbykoch aus Offenbach : Burger für den Auftragskiller

Filmreif: Daniel Brettschneider liebt Kinofilme und gutes Essen. Bild: Helmut Fricke

Cineast und Hobbykoch Daniel Brettschneider hat es geschafft, seine Leidenschaften zu verbinden. Er organisiert in Offenbach Kinoabende mit zum Film passenden Speisen. Jetzt hat er ein Buch geschrieben.

          3 Min.

          Womöglich würde der Offenbacher Daniel Brettschneider mit seinem Hamburger-Rezept sogar vor Jules Winnfield bestehen. Der von Samuel L. Jackson dargestellte Auftragskiller in Quentin Tarantinos legendärem Film „Pulp Fiction“ liebt Hamburger und referiert minutenlang über die Qualität von Burgern, liquidiert aber die Adressaten seiner enthusiastischen Ausführungen über die Kunst der Frikadellen dann auftragsgemäß.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Beim Lesen des Rezepts in Brettschneiders gerade erschienenem Buch „Kino Kulinarisch“ wird rasch klar, dass seine Tarantinos Meisterwerk gewidmeten Hamburger aus frischem Rindfleisch mit in Butter glasig geschmorten, roten Zwiebeln und beim Bäcker gekauften „Burger Buns“ nichts mit denen der Systemgastronomie zu tun haben. In dem Buch finden sich noch 18 weitere Filme, zu denen der Cineast jeweils ein Gericht empfiehlt. Im Fall des Klassikers „Casablanca“ ist es eine marokkanische Lammkeule, für „Toni Erdmann“ eine Tomatensauce für Nudeln.

          Veranstaltungen frühzeitig ausgebucht

          Damit sind zwei der großen Leidenschaften des 1980 geborenen Brettschneider genannt: gutes Essen und gute Filme, genauer gesagt gutes Kino. Für ihn gehöre der richtige Rahmen zu einem vollendeten Filmgenuss, sagt er. Zwar lässt eine beachtliche Regalwand voller Spielfilm-Konserven in seinem Wohnzimmer keinen Zweifel daran, dass Brettschneider auch daheim nicht ohne bewegte Bilder auskommt – er habe mehr Filme als das Jahr Tage, sagt er. Der volle Genuss sei aber nur auf einer richtig großen Leinwand möglich. „Die Filme kommen ganz rüber.“

          Wenn es besonders gut sein soll, findet die Vorführung in einem jener schönen alten Kinosäle statt, die es allerdings kaum mehr gibt. Oder aber in einem außergewöhnlichen Ambiente, wie es beispielsweise in der Alten Schlosserei auf dem Gelände des Offenbacher Energieversorgers Evo gegeben ist. Hier hat inzwischen Brettschneiders 2012 entstandene Veranstaltungsreihe „Kino Kulinarisch“ ihren angestammten Platz. Mit der Reihe verbindet er seine beiden Leidenschaften miteinander. Dass die Veranstaltungen oft schon frühzeitig ausgebucht sind, spricht dafür, dass er damit den Nerv vieler trifft.

          Ungeachtet seiner Begeisterung für Kino und Kochkunst zählt auch die Pädagogik, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, zu seinen Leidenschaften, wie er sagt. Und so arbeitet der Erziehungswissenschaftler 3,5 Stunden am Tag als Schulpädagoge in Offenbach, bevor er sich dann an den Nachmittagen und Abenden wieder dem Film und der Organisation von Kino-Nächten in wechselndem Ambiente widmet. Die Kontinuität und die Sicherheit seiner schulpädagogischen Arbeit sind ihm ein wichtiger Ausgleich zu den Unwägbarkeiten, die es mit sich bringt, immer neue Ideen rund um das Thema Kino-Erlebnis zu realisieren.

          Denn ganz so einfach ist es naturgemäß nicht, Orte für ein besonderes Kino-Erlebnis inklusive einer anspruchsvollen Verköstigung in einer Stadt zu finden, die längst nicht mehr über ein klassisches Kino mit einem Saal verfügt, wie es Brettschneider noch aus Kindertagen kennt: „Ich bin in einem Achtundsechziger-Haushalt aufgewachsen, und wir hatten lange gar keinen Fernseher. Aber meine Eltern sind dann oft mit mir ins Kino gegangen“, berichtet er. Broadway und Universum hießen die Kinos seiner Jugend, die schon lange verschwunden sind, die Discountern und dergleichen weichen mussten. Noch heute liebt Brettschneider die klassischen Kinosäle, von denen es beispielsweise in Wiesbaden im Caligari einen besonders schönen gibt.

          Ein Versuch auf Zeit

          Aber auch in Offenbach existiert ein fast vergessener Saal, der besondere Filmerlebnisse ermöglichen würde, wie sie Brettschneider und die Fans seiner Veranstaltungen mögen: im Deutschen Ledermuseum. In dem praktisch ungenutzten Saal, der mit opulenten Ledersesseln und großer Leinwand ausgestattet war, begann vor knapp neun Jahren denn auch der Versuch, mit Hilfe der Stadt ein kommunales Programmkino in Offenbach zu etablieren. Allerdings war es damals erst einmal ein Versuch auf Zeit.

          Der wurde später allerdings nicht weitergeführt. Ursprünglich hatte dort auch die Reihe Kino Kulinarisch begonnen. Doch die Vorstellungen der Museumsleitung und der Kino-Enthusiasten waren wohl zu unterschiedlich. Ungeachtet dessen firmieren Brettschneiders cineastische Aktivitäten nach wie vor als Projekt Lederpalast des Vereins Kino im Deutschen Ledermuseum.

          Dass Brettschneider beinahe überall große Kino-Film-Events auf die Beine stellen kann, hat er schon früher am Hafen bewiesen: Die Open-Air-Filmnächte im Kulturzentrum Hafen 2 gehen auch wesentlich auf seine Initiative zurück.

          Gerade ist Brettschneider nach einem Eingriff für einige Tage zur Ruhe verurteilt gewesen. Es kam, wie es kommen muss, wenn ein umtriebiger Geist wie er Zeit zum Nachdenken hat. Das 2018 erfolgreiche Projekt „Eine Stadt zeigt sich offen“, bei dem Menschen sich gegenseitig besuchen und kennenlernen konnten, möchte Brettschneider erweitern. Am Ende könnten sich Teilnehmer gegenseitig besuchen und gemeinsam den jeweiligen Lieblingsfilm anschauen – und gemeinsam kochen. Im Moment sei es aber erst mal nur eine Idee.

          Kino neu erleben

          Daniel Brettschneider: Kino Kulinarisch, Verlag Offenbacher Editionen, 19,80 Euro.

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