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Historisches Museum Frankfurt : Bilder als Gedächtnis der Stadt

Ein Reich aus Fotopapier, Pappen und Geschichte: Kuratorin Martha Caspers in einem Raum der fotografischen Sammlung des Historischen Museums Frankfurt Bild: Wonge Bergmann

Vom Glasnegativ bis zur zeitgenössischen Kunst: Fast 300.000 Fotos umfasst die Sammlung des Historischen Museums Frankfurt. Martha Caspers hat sie 30 Jahre lang betreut.

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          Sollten Sie demnächst an einer Demo teilnehmen und ein besonders bemerkenswertes oder auch ein sehr typisches Plakat mit sich herumtragen, könnte es sein, dass eine zierliche und leise, dennoch resolute Dame Sie anspricht. Weil sie Ihr Plakat haben möchte. Dann ist es Geschichte geworden.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die jüngsten zu Geschichte gewordenen Objekte, die Martha Caspers eingesammelt hat, stammen von den ersten „Fridays for Future“. Ein besonders schönes und buntes, selbstgemaltes Pappschild haben ihr zwei kleine Mädchen geschenkt, als sie ihnen erklärt hat, warum sie es braucht. Protestkultur ist eines der vielen Sammelgebiete des Historischen Museums Frankfurt. Und auch eines von Martha Caspers.

          Bildgedächtnis Frankfurts bewahren

          Seit 35 Jahren ist sie am Historischen Museum tätig, 30 Jahre lang war sie dort angestellt, erst als Fotoarchivarin, seit 2007 als Fotografie-Kuratorin. Sie ist dafür zuständig gewesen, das Bildgedächtnis Frankfurts zu bewahren. Ihr Spezialgebiet war und ist die Fotografie, aber auch Medien und Kommunikation samt deren Technik gehören zum weiten Feld dessen, was Caspers verantwortet hat. Und weiter verantwortet: Aufhören ist für Caspers schier undenkbar.

          Wie Fotografie gesellschaftlichen Wandel und räumliche Veränderung zeigt, tritt wohl noch besser hervor, seit im 2017 neu eröffneten Museum wechselnde Medien eine deutlich größere Rolle spielen. Abgesehen von den Abertausenden Fotos der eigenen Sammlungsobjekte umfasst die eigentliche Fotosammlung des Museums etwa 290.000 Fotografien von der frühen Fotografiegeschichte in Frankfurt, die Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts einsetzte, bis hin zu ganz neuen Erwerbungen oder Schenkungen.

          Einzelbilder und Serien, Alltagsfotografie und Kunst. Die Glasnegative aus dem Nachlass von Carl Abt (1853–1922) etwa, der zwischen 1900 und seinem Tod Frankfurter Alltag aufnahm: „Das ist ein enormer Schatz“, sagt Caspers – mit dem Haken, dass viel recherchiert werden musste. Denn außer der Tatsache, dass die Witwe dem Museum die rund 900 Aufnahmen überließ, war wenig bekannt.

          „Stütze des Archivs“

          Recherche macht einen großen Teil der Arbeit aus, nicht nur das sachgerechte Aufbereiten von sehr empfindlichem Material. Das war auch bei jenem prachtvollen Fotoalbum so, das aussieht wie ein reich verziertes Messbuch, aber die Fotografien Adeliger enthält. Woher genau der Schatz stammt, darf Caspers nicht verraten, nur so viel: Eine Amerikanerin hat dem Museum die „spektakuläre Schenkung“ überlassen, weil die beiden Fotografen Frankfurter gewesen sind. Friedrich Carl genannt Fritz Vogel (1806–1865) und seine gleichaltrige Frau Julie Thérèse haben von 1839 an erst mit Daguerrotypien, dann mit sogenannten Kalotypien, also Salzpapierabzügen, in Frankfurt ein Porträtgeschäft betrieben. Offenbar so florierend, dass ein russischer Adeliger gern ein solches Album besitzen wollte, in dem gekrönte Häupter und die Verwandtschaft abgelichtet sind, in opulenten Dekors und zart handcoloriert.

          In den vergangenen Jahren hat Caspers zahlreiche solche Konvolute eingearbeitet. Etwa Nachlässe des Fotografen Calle Hesslefors (1946–2009) oder des Frankfurter Polizisten und Fotografen Fred Prase (1946–2003), der mit der Bahnhofsviertel-Serie „Feuerteich“ bekannt geworden ist. Dessen 8000 Fotos hat seine Witwe im Ehrenamt abgeglichen. „Ohne ein Team an Kollegen, Ehrenamtlichen und Werkverträglern ist diese Arbeit nicht zu machen“, sagt Caspers, „sie sind die Stütze des Archivs.“ Nun wird sie selbst in neuer Rolle eine Stütze.

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