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Historikerkommission : Täter, Opfer, Opportunisten

  • -Aktualisiert am

Erste Plenarsitzung: Der Chef der amerikanischen Militärregierung in Hessen, Oberst James R. Newman, spricht 1946 im hessischen Landtag. Bild: Sueddeutsche Zeitung Photo

Im April beginnt eine Historikerkommission mit der Untersuchung der Biographien ehemaliger Nationalsozialisten im Landtag.

          In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg waren mindestens 75 hessische Parlamentarier ehemals in der NSDAP gewesen - darunter Vertreter aller Parteien, Minister und Fraktionsvorsitzende. Das hat im Mai vergangenen Jahres eine Studie des Oldenburger Historikers Hans-Peter Klausch ergeben. Am 1.April nimmt jetzt eine von Landtagspräsident Norbert Kartmann (CDU) auf einmütigen Parlamentsbeschluss hin beauftragte Historikergruppe ihre Arbeit auf, die spätestens zum Jahresende eine sichere Datenbasis für weiterreichende Forschungen vorlegen soll. Für Anfang nächsten Jahres ist eine wissenschaftliche Tagung zur Interpretation der bis dahin vorliegenden Fakten geplant.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dabei wird dann beispielsweise auch darüber zu diskutieren sein, ob die Anwesenheit zahlreicher früherer Nationalsozialisten in den deutschen Parlamenten die Debatten über die Wiederbewaffnung, über das sogenannte 131er-Gesetz (die mögliche Wiederverbeamtung jener, die beim Entnazifizierungsverfahren nicht als Hauptschuldige oder Belastete eingestuft worden waren) und über einen „Schlussstrich“ unter die Beschäftigung mit der NS-Zeit beeinflusst haben. Spektakuläre neue Erkenntnisse über den Demokratisierungsprozess oder gar das Ergebnis, dass die Programme demokratischer Parteien von NS-Gedankengut durchsetzt gewesen seien, erwartet sich der Koordinator der Arbeitsgruppe „NS-Vergangenheit ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter“, der Leiter des Hessischen Staatsarchivs in Marburg, Andreas Hedwig, nicht.

          Basis sollen die Entnazifizierungsakten sein

          Dem auf Initiative der Linksfraktion hin tätig gewordenen Geschichtswissenschaftler Klausch bescheinigt Hedwig „solide Vorarbeit“, allerdings weise dessen Studie noch Lücken und Unschärfen auf. Zunächst gehe es deshalb darum, die von Klausch präsentierten Fakten genau zu überprüfen und zu ergänzen. Die hohe Zahl ehemaliger Nationalsozialisten, die nach dem Krieg offenbar den Sprung in den Landtag geschafft haben, habe ihn überrascht, räumt Hedwig ein. Ihm stelle sich nicht zuletzt die Frage, warum es bisher keine eingehenderen Untersuchungen zu den Biographien der Landtagsabgeordneten in der Zeit des Nationalsozialismus gegeben habe.

          Basis der Historiker-Recherchen sollen die Entnazifizierungsakten aus dem Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden, die Nachweise der NSDAP-Mitgliederkartei, Auskünfte der Deutschen Dienststelle Berlin über Wehrmachtsdienstzeiten sowie ergänzende Materialien wie persönliche Aufsätze oder Stellungnahmen aus der Nazi-Zeit sein. Herangezogen werden zudem Informationen aus dem Bundesarchiv sowie aus dem Archiv des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Fest steht jedoch bereits jetzt: Die Quellen sind weder vollständig noch einfach zu interpretieren. Nicht für jeden der 75 unter Verdacht stehenden Abgeordneten werden sich beispielsweise Entnazifizierungsunterlagen finden lassen, und von den Mitgliedsakten der NSDAP sind nur etwa 80 Prozent erhalten.

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