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Corona-Krisen-Archiv : Als Oma ohne Gäste Geburtstag feiern musste

  • -Aktualisiert am

Bilder aus der Krise: auch der Mangel an Toilettenpapier wird im digitalen Archiv thematisiert. Bild: dpa

Corona-Krise ganz privat: Historiker beginnen eine digitale Datensammlung, und jedermann kann an dem Archiv mitarbeiten.

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          Die Corona-Krise im Alltag der Menschen wollen Historiker der Universitäten in Gießen, Bochum und Hamburg dokumentieren. Dafür haben sie das Internetportal „coronarchiv“ eingerichtet, auf dem jedermann Texte, Fotos sowie Audio- und Videodateien aus seinem persönlichen Umfeld hochladen kann. Ziel ist die Schaffung einer Datensammlung, die in Zukunft Quelle für Forschung und Geschichtsschreibung sein soll. Gestartet ist das Projekt auf Deutsch; Texte und Informationen in anderen Sprachen und aus anderen Länder könnten hinzukommen.

          „Geschichtsschreibung basiert in der Regel auf offiziellen Dokumenten“, sagt Mitinitiator Christian Bunnenberg. Die Alltagserfahrungen einfacher Leute seien in der historischen Literatur nur bedingt abzubilden. Zur Erläuterung führt der Juniorprofessor für Public History an der Ruhr-Universität in Bochum die Cholera-Epidemie 1892 in Hamburg an. „Was sich damals in den Straßen und Häusern der ärmeren Viertel abgespielt hat, ist weitgehend unbekannt. Die Menschen waren damit beschäftigt zu überleben. Tagebuch hat da kaum jemand geführt.“

          Zurzeit herrsche auf allen gesellschaftlichen Ebenen eine große Unsicherheit. Niemand wisse, was die nächsten Wochen bringen könnten. Die Erinnerung an diese „Offenheit der historischen Situation“ wollen Bunnenberg und seine Mitstreiter bewahren.

          Vielfältige und subjektive Erinnerungen

          Es gehe um das subjektive Empfinden des Einzelnen, ergänzt Benjamin Roers, wissenschaftlicher Mitarbeiter am kulturwissenschaftlichen Graduiertenzentrum GCSC an der Gießener Justus-Liebig-Universität. Keine Stimme solle verlorengehen. Eine vielfältige Gesellschaft brauche auch eine vielfältige Erinnerung. Es handele sich um eine Ergänzung der klassischen Materialien.

          Angefangen hat alles am 22. März, jenem Sonntag, an dem Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die bundesweite Kontaktsperre verkündete. An dem Tag setzte Bunnenberg einen Tweet zur Corona-Krise ab, auf den sich Roers und die beiden Hamburger Thorsten Logge und Nils Steffen meldeten. Am Montag tauschte sich das Quartett über Skype aus, am Donnerstag stand die Website.

          Das Portal ist online unter www.coronarchiv.de zu finden sowie in den sozialen Medien (Facebook, Twitter, Instagram und TikTok) unter @coronarchiv. Bisher sind ein paar hundert Beiträge eingegangen, überwiegend Fotos, aber auch emotionale Schilderungen und sogar Gedichte. Thematisiert werden Mangel (Toilettenpapier, Mundschutz, Beatmungsgeräte), Distanz und Nähe, geschlossene Spielplätze, Familienleben und Einkaufen in Zeiten des Kontaktverbots, ein 88. Geburtstag ohne Gäste.

          Kinder und Jugendliche können Buchpreise gewinnen

          Eine Aufnahme zeigt Leipziger Polizisten, wie sie in einem Park kontrollieren, ob die Spaziergänger dort wirklich einen triftigen Grund haben, die eigenen vier Wände zu verlassen. Sport und Bewegung an der frischen Luft sind erlaubt, nicht aber das Sitzen auf Bänken oder auf Decken auf der Wiese, heißt es im zugehörigen Kommentar. Eine Frau hat ein Video aufgenommen, auf dem sie im Wohnzimmer Zumba – eine Mischung aus Aerobic und überwiegend lateinamerikanischen Tanzelementen – vor einem Tablet tanzt. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

          Die gemeinnützige Körber-Stiftung, die sich vor allem mit gesellschaftlichen Veränderungen beschäftigt, beteiligt sich mit einem Mitmach-Wettbewerb für Kinder und Jugendliche an der digitalen Datensammlung. Die besten Einsendungen werden mit Buchpreisen belohnt. Junge Menschen sollen damit motiviert werden, ihre spezielle Sicht der Dinge zu schildern. Selbst Verschwörungstheoretiker kommen auf dem Archivportal zu Wort, denn auch die sind natürlich Teil der Corona-Geschichte.

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